Das sechsfache Ich

Viele in einer

 

Ich bin viele. Und nein, ich bin nicht schizophren. Seitdem ich als Freie arbeite, habe ich das Aufsplitten in mehrere Persönlichkeiten tatsächlich kultiviert. Während der Gründungsphase meines Ein-Frau-Unternehmens war ich noch alleine als Redakteurin – und manchmal auch als Werbetexterin, je nachdem für welchen Auftraggeber ich gerade schrieb – unterwegs. Sehr schnell merkte ich: Das reicht bei weitem nicht! Und so kam die taffe Geschäftsfrau hinzu, die im edlen Zwirn zum potenziellen Neukunden fuhr. Allerdings war diese Person genauso unfähig klug mit Zahlen umzugehen wie die textversierte Redakteurin. Also stellte ich eine Buchhalterin ein. Leider weigerte die sich, während ihrer kostbaren Arbeitszeit das Büro zu putzen. Genauso übrigens wie die Geschäftsführerin und die Redakteurin. Was nur verständlich ist – oder haben Sie jemals die Vorstände von DAX-Unternehmen mit dem Straußenfederfeudel in der Hand gesehen?

Putzperle gesucht!

Es musste ein Putzfrau her. Jemand, der regelmäßig den Staub vom Monitor feudelt und die Kekskrümel aus der Tastatur fummelt. Meine neue Putzperle macht das seitdem so vorzüglich, dass ich schon versucht bin, sie dafür schwarz zu bezahlen wenn sie Bad, Schlafzimmer und Küche ebenfalls putzt. Wie das aber so ist mit guten Mitarbeitern: Sie sind leider nie ganz fehlerlos. Meine Putzperle ist für Telefonate mit Kunden denkbar ungeeignet. Neulich nahm sie nach dem dritten Klingeln den Hörer ab und war so vertieft in ihre Arbeit mit Staubsauger, Besen und Wischmop, dass sie glatt einer Redaktion für Gesundheitsthemen einen Artikel über Wohntrends 2016 verkaufen wollte!

Wie viele sind wir eigentlich?

Ich sag’s Ihnen: Putzen kann die ja, aber fürs Telefon habe ich seitdem eine Sekretärin. Verzeihung: eine Assistentin der Geschäftsführung. Sie kennt alle Kunden beim Namen und kümmert sich sogar noch um neue Druckerpatronen, Briefmarken und Kaffee. Leider ist sie aber völlig überfordert, wenn die Technik spinnt. Computer, Drucker, Telefonanlage – all das ist für sie ein Buch mit sieben Siegeln. Aber hierfür – was soll ich sagen, ich habe eben Glück mit meinen Mitarbeitern – habe ich eine vorzügliche Systemadministratorin gefunden. Allerdings, das wäre vermutlich zu viel des Guten gewesen, hat die wiederum null Ahnung von Web- und Grafikdesign. Bevor ich hierfür noch jemanden einstelle, gebe ich das lieber an meinen frei schaffenden Kollegen raus. Der ist Grafidesigner. Sonst würde ich spätestens bei den alljährlichen Weihnachtsgeschenken an meine Mitarbeiter den Überblick verlieren, wie viele wir tatsächlich sind …

Foto: Nicole Hein