Farblos

Alles Grau in Grau

 

„Mama, warum sind fast alle Autos schwarz, grau oder silbern?“, fragte mich mein Sohn eines Morgens, als wir mit unserem metallicgrauen Skoda zur Schule fuhren. Ich schaute mich um – und wirklich, im diffusen Licht des anbrechenden Tages huschten die Fahrzeuge wie dunkle Schatten um uns herum. So deutlich wie an diesem Morgen war mir die Eintönigkeit auf Deutschlands Straßen noch nie aufgefallen. Wo sind nur all die Farben geblieben? Schaut man sich beispielsweise vierzig Jahre alte Fotos an, leuchtet ein gelber VW Käfer neben einem roten Audi und ein grüner Mercedes neben einem blauen Opel Kadett.

Bunt ist viel schöner

Ähnliche Gedanken kamen mir, als ich mich neulich durch die Kinderabteilungen diverser Kaufhäuser wühlte. Ich war verzweifelt auf der Suche nach einer knallroten oder hellblauen Winterjacke. Doch was auf den Ständern hing, war schwarz, dunkelblau oder grau.

Warum ist das so?, überlegte ich. Weshalb umgeben wir uns noch mit diesen traurigen Farben, wenn schon das Leben selbst so viele traurige Momente bietet? Sollten wir nicht vielmehr jeden Morgen damit beginnen, unsere sonnengelbe Jacke anzuziehen und in das orangefarbene Auto zu steigen, um dann in den leuchtend roten Sonnenaufgang zu brausen?

 

Foto: Sandra Konold

Das Bild ist 2006 in Nepal entstanden, an einem bewölkten und regnerischen Tag in Bhaktapur, der Stadt der Frommen.

Wenn es draußen schüttet, ist das für mich als Fotografin eine ungünstige Ausgangslage. Unter freiem Himmel kommen Tropfen auf’s Objektiv und lassen die Bilder partiell unscharf wirken, zuviel Nässe schadet der Kamera. Außerdem suchen die meisten Menschen dann Zuflucht in Häusern, und leergefegte Straßen fotografiere ich nur halb so gern.

Findet man allerdings einen überdachten und trockenen Ort mit guter Sicht auf die sonst so belebten Gassen, wird es spannend, sobald der Regenguss nachlässt und der Himmel aufreißt. Das ist oft der Moment, in dem Menschen ihren Weg draußen fortsetzen und Farben beginnen zu leuchten. Erfreulicherweise sind noch nicht alle Frauen auf der Welt vom westlichen Mode-Virus mit Jeans und dunkler Kleidung infiziert, sonst wäre ich nicht zu dieser farbenfrohen Momentaufnahme gekommen…

Women in the rain are walking along (walking by) the Taumadhi Tol (Square) of Bhaktapur (Place of Devotees), one of three former kingdoms at Kathmandu Valley / Frauen im Regen passieren (gehen in den) Gassen am Taumadhi Tol (vorbei) - einem Platz in Bhaktapur (Stadt der Frommen), die eine von drei frueheren Koenigsstaedten im Kathmandu-Tal ist / Mujeres en la lluvia caminan cerca del Taumadhi Tol (plaza) que forma parte de Bhaktapur (Ciudad de los Devotos), una de tres antiguas ciudades imperiales en el Valle de Katmandu Bhaktapur, Kathmandu Valley / Kathmandu-Tal / Valle de Katmandu, Nepal October / Oktober / Octubre 2006


Dieser Beitrag ist Teil der 2-Blickwinkel-Serie, bei der sich die Journalistin Nicole Hein von einem Bild der Fotografin Sandra Konold inspirieren lässt – dergestalt, dass ihr ein Thema dazu in den Sinn kommt, zu dem sie schreibt. Genauere Informationen zum Foto sind zunächst unbekannt und eröffnen nachträglich eine vielleicht überraschende oder neue Sicht auf den Text.
 | nhein.de | sandrakonold.com