Frieden I

Kämpferin

 

Lydia ist die aus Kleinasien, aus Lydien Stammende. Sie war Purpurhändlerin und die erste Frau, die vom Apostel Paulus getauft wurde. Diesen Namen habe ich mir ausgewählt.

Ich bin Christin und war 1995 mit der UN-Friedensmission UNOSOM II in Somalia. Damals schon war nicht mehr klar, ob der Einsatz noch anhalten sollte. Im Land war einiges durcheinander geraten, die Situation undurchsichtig. Du wusstest nicht, wer Freund und wer Feind ist. Wir haben unter dem Kommando des Sanitätsbataillons 150 ein Feldkrankenhaus aufgebaut, um Verletzte und vor allem Frauen und Kinder unterzubringen, die verwundet oder mangelernährt waren.

Blauhelm-Soldaten sind da, um zu helfen. Für einen Beitrag zum Frieden. Das ist der Anspruch, mit dem die Vereinten Nationen solche Truppen entsenden.

Ich weiß, dass Gegner im Krieg Sprengsätze in Puppen und Milchtüten verstecken, um die Zivilbevölkerung zu treffen und zu zermürben. Während meiner Zeit in Mogadischu habe ich ein Gefecht am Hafen miterlebt, Menschen mit zerissenem Körper gesehen, Kinder ohne Beine, abgetrennte Arme, viel sinnloses Leid. Kameraden von mir wurden getötet, ihre Leichen durch die Straßen gezogen. Das ist sehr demoralisierend und wird in Konflikten heutzutage auf die Spitze getrieben: In Syrien und anderswo bombardiert man gehäuft Zivilpersonen, und neben Ärzten und Krankenhäusern werden auch Journalisten gezielt angegriffen.

Der niederschmetternde Punkt ist, dass wir nichts bewirkt haben, langfristig jedenfalls. Wir waren eine Armee voller Möglichkeiten, aber letztlich haben wir als internationale Gemeinschaft versagt und die Menschen in Somalia allein gelassen. Man sieht es heute: Es ist ein Land ohne Frieden, ohne Perspektiven  so stelle ich mir die Hölle vor.

Nach dem, was ich dort ganz nah erlebt hatte, war ich ein anderer Mensch. Das war der Anfang vom Ende… Aus meiner Zeit bei der Bundeswehr habe ich mir das Laufen mit viel Gepäck bewahrt und den Ansporn, mich körperlich an Grenzen zu bringen.

Was mir Frieden schenkt? Mit meinem Hund unterwegs zu sein. Im Freien zu zelten. Herzliche Menschen um mich zu wissen, die sich auf meine Rückkehr freuen. Frieden ist für mich: die Anwesenheit von Liebe.

 

Foto: Sandra Konold

Lydia ist mir in meinem Alltag begegnet, ihre Augen erzählen viel. Ich habe ihr bei einer Tour ins Freie unzählige Fragen stellen dürfen. Sie hat mir sehr offen, geduldig und mit einem außeralltäglichen Reflexionsvermögen geantwortet. Weil sie in ihrem Leben an drei großen, auch seelischen Fronten mutig Kämpfe ausgefochten hat, habe ich den Beitrag entsprechend betitelt. Er ist ein kleiner Ausschnitt dessen, worüber sie mir erzählt hat.

FRIEDEN I ist der erste Teil eines Fotoprojekts, für das ich Menschen porträtiere, die wegen ihrer Erlebnisse einen ganz eigenen Blick auf das Thema haben.