Frieden II

Überlebende

 

Wir haben den totalen Krieg. Wie heißen die Parolen? ‚Totaler Krieg, kürzester Krieg.‘ oder ‚Räder müssen rollen für den Sieg‘ – es gibt so viele Parolen. Auf den Litfaßsäulen sieht man immer wieder das Bild einer dubiosen Figur, eingehüllt in einen schwarzen Mantel, den Kopf lauschend zur Seite gedreht. ‚Vorsicht, Feind hört mit‘, steht darunter. Wo mag wohl der Feind sein, denke ich. Ob der neben mir steht? Es scheint viele zu geben, bei so vielen Plakaten.

1945  Feuersturm in der Elbmetropole

Ja, und dann kommt der 13. Februar, ein Datum, das kein Dresdner vergisst. Wir sind im Keller, und das absolute Inferno ist über uns hereingebrochen. Wir knien oder liegen übereinander, die Kleinsten zuunterst, geschützt von den Leibern der Größeren. Zuoberst liegen die Mütter. Die Menschen im Keller sind still, sie warten auf den Tod. Kein Kind weint, keine Frau jammert.

Mein Bruder lehnt an der Wand. Während einer sekundenlangen Atempause sagt er ganz ruhig: „Na, die schießen heute aber nicht mit Bonbons.“ Er lehnt an der Wand, hinter ihm ist die Klappe zum Schornstein. Plötzlich geht mit einem Knall die Klappe auf und wir werden mit schwarzer Asche überzogen.

Das Inferno scheint ewig zu dauern – doch, was ist das? Sind da nicht auch Klopftöne zu hören? Kommen die nicht von nebenan? Meine Mutter lauscht intensiv an der Mauer zum Nachbarhaus. Ja, das sind Klopftöne. An der Wand lehnt eine Axt – das ist Vorschrift und gehört zum Luftschutz. Mein Bruder nimmt sie und schlägt an die Wand. Und nun kommen die Schläge rhythmisch: einmal von hüben, einmal von drüben. Beide Seiten schlagen so fest sie können. Und dann hören wir sie, die Nachbarn: „Wir sind eingeschlossen, unser Haus brennt lichterloh.“ „Kommt zu uns,“ rufen wir, „wir können noch raus.“ Bald ist das Loch in der Wand groß genug, um Mann für Mann, Frau für Frau, Kind für Kind durchzulassen. Die gütige Nachbarin ist auch dabei.

Soviel ich weiß, konnten alle gerettet werden. Später hörten wir, dass das Feuer von nebenan auf unser Haus übergriff. Ob es durch den Keller kam? Wer weiß. Der Gedanke an die Nachbarin und ihre Hausgenossen tröstet mich.

Wenn ich mich an diese Zeiten erinnere, scheint es mir, als wäre das alles nur ein schlimmer Traum gewesen, der jedoch mit dem Ende des Krieges leider nicht vorüber war.

Meine Erlebnisse sind nichts Außergewöhnliches – sie sind typisch für eine ganze Generation Deutscher. Vielleicht hilft es uns, wenn wir uns ab und zu an diese Zeiten erinnern – Zeiten, in denen das bloße Überleben der größte Erfolg war.

1948  Flucht in den Westen

Nach dem Krieg wurde das Leben immer schwerer, wir hatten kaum zu Essen. Dazu kam die Frage: Was wird aus uns? Wir gehörten nicht zur Arbeiterklasse. Wären wir in die kommunistische Partei eingetreten, dann wäre das Leben leichter gewesen, aber das war für uns undenkbar.  Dieses System war unerträglich. Und so entschlossen wir uns, sobald wie möglich den „Arbeiter- und Bauernstaat“ zu verlassen. Wir wollten nur warten, bis mein Bruder sein Abitur in der Tasche hatte.

Dass die ganze Familie auf seinen Abschluss wartete, war selbstverständlich. Im Jahre 1948 hatte er es geschafft, und wir konnten weg. Fliehen mussten wir, denn das System hatte inzwischen erkannt, dass Tausende der gut Ausgebildeten den Staat verließen, und das musste verhindert werden. Es zog die Menschen in den Westen, wo man begonnen hatte, eine Demokratie aufzubauen. Frei seine Meinung äußern zu dürfen, keine Angst vor Repressalien zu haben, keine Angst vor Deportation – das war wie ein tiefes Durchatmen im Freien.

Mein Vater hatte einen Onkel, der eine Apotheke in einem Ort im Odenwald besaß. Er war kinderlos und schaffte es, uns eine Zuzugs- bzw. Aufenthaltsgenehmigung zu besorgen.

Die Vorbereitungen für unsere Flucht liefen auf Hochtouren. Die wenigen Dinge, die wir nicht tragen konnten, wurden mit der Post zum Odenwald geschickt. Und so verließen wir fünf am 10. September 1948 Sachsen, unsere Heimat.

Die Reise mit dem Zug ging über Eisenach. Von dort brachte uns ein Bus zur Grenze. Um uns herum waren viele Leute, die genau wie wir ein Reiseziel hatten: den Westen. Man half sich gegenseitig und gab sich Tipps. Und dann waren wir schon an der Grenze. Wir mussten durch ein Gebäude gehen, wo auf großen Tischen die Koffer durchsucht wurden. Alle unsere Mitreisenden waren schon abgefertigt, wir waren die letzten aus unserem Bus.

„Nein, sie können nicht in den Westen – eine Zuzugsgenehmigung reicht nicht, sie brauchen eine Genehmigung von unserer Regierung – gehen sie zurück!“  Oh, Gott, was sollten wir machen? Wir hatten unsere Zelte abgebrochen, ein Zurück konnte es nicht geben. Wir nahmen unsere Koffer, und mit meiner Mutter vorneweg strebten wir dem Ausgang zu. Während die Beamten die Gruppe aus dem nächsten Bus kontrollierten, ging unsere Mutter tapfer und ganz ruhig nicht nach links in den Osten zurück, sondern in Richtung Schlagbaum. Die ganze Familie folgte ihr. Wir passierten eine Reihe von Kontrollpunkten. Jedes mal nickte meine Mutter den Kontrolleuren freundlich zu, wir taten dasselbe.

Es war heiß, die russischen Soldaten mit ihren Gewehren lümmelten sich auf ihren Stühlen und genossen die Sonne. Auch ihnen nickten wir zu und passierten absolut selbstbewusst den Schlagbaum – ohne Papiere. Eine schier endlos lange gerade Straße forderte unsere Nerven zusätzlich heraus. Wir wussten natürlich, dass die Soldaten jederzeit schießen konnten, aber sie taten es nicht.  Wir waren im sogenannten Niemandsland – noch eine Straßenbiegung, und wir waren im Westen. Dort warteten offene Lastwagen der Amerikaner, die uns in die nächste Stadt brachten.

Wir haben immer wieder Wunder erlebt – fast könnte man fragen:  Wer passte auf uns auf?

1989  Mauerfall

Direkt nach der Wende und dem Fall der innerdeutschen Mauer fuhr ich mit meiner Cousine nach Dresden. Ich fing an zu weinen und konnte nicht mehr aufhören. Der ganze Schmerz kam zurück über den Verlust der Heimat. Über die Erlebnisse vom Februar 1945 kann ich erst gefasster sprechen, seit ich für den Dokumentarfilm Das Drama von Dresden als Zeitzeugin dazu befragt wurde. Das hat mir geholfen, meine Trauer zu verarbeiten.

2017  Hier & Heute

Ich bin ein glücklicher Mensch. Das Leben hat mir nichts geschenkt, aber der liebe Gott hat mir ein fröhliches Gemüt mit auf den Weg gegeben – etwas, was ich glücklicherweise von meinem bezaubernden und fröhlichen Vater geerbt habe. Manche Menschen beschäftigen sich ständig mit irgendwelchen traurigen Schicksalen. Das tue ich nicht. Ich habe tolle und liebevolle Kinder, Schwiegerkinder und Enkel, mit denen ich fast täglich in Verbindung stehe. Also, was will ich mehr?

Für mich fängt der Frieden im Kleinen an – nämlich in der Familie. Wenn man tolerant ist und auch in der Lage, kleine Vergehen zu verzeihen, dann gibt es erst gar kein Aufkommen von Antipathie oder sogar Hass. Ich bemühe mich, mich in die Situation anderer hineinzuversetzen, was mir, das gebe ich offen zu, nicht immer gelingt. Da hilft eine gewisse Gelassenheit!

Text: Dorothea Meyer

(mit Auszügen aus den Erinnerungen Eine deutsche Kindheit und Jugend)

Dorothea Meyer | Zeitzeugin (Ueberlebende des Dresdener Feuersturms im Februar 1945) / contemporary witness (survivor of the bombing of Dresden in World War II) / testigo de su epoca (sobreviviente del bombardeo de Dresde en la Segunda Guerra Mundial) Fotoprojekt FRIEDEN / photo project PEACE / proyecto fotografico PAZ Duesseldorf, Germany / Deutschland / Alemania September / Septiembre 2017
Das Drama von Dresden: Zeitzeugin im Dokumentarfilm von Sebastian Dehnhardt (2005)
Fotos: Sandra Konold

Dorothea Meyer ist mir bei einer Zugfahrt begegnet, auf dem Weg vom Süden in den Norden Deutschlands. Dank ihres Humors und ihrer Gabe fürs Geschichten-Erzählen sind die Stunden wie im Flug vergangen. Deshalb habe ich ihre Einladung, sie zu besuchen, sehr gerne angenommen. Mehrfach sogar! Unglaublich, dass diese Frau ein so fröhlicher Mensch geblieben ist trotz ihrer Kriegserlebnisse in der frühen Jugend. Das beeindruckt mich zutiefst.

Ihren unbeirrten Blick auf das Gute und Wesentliche im Leben möchte ich mir zu eigen machen und ebenfalls mit ins hohe Alter nehmen. Weil Dorothea Meyer sich bewahrt hat, oft und gerne zu lachen, und weil sie mit ihrer Familie wie durch ein Wunder am Leben geblieben ist, habe ich den Beitrag entsprechend betitelt. Er gibt in Auszügen wieder, worüber sie an ihre Kinder geschrieben hat und wir persönlich gesprochen oder in Emails kommuniziert haben.

FRIEDEN II ist der zweite Teil eines Fotoprojekts, für das ich Menschen porträtiere, die wegen ihrer Erlebnisse einen ganz eigenen Blick auf das Thema haben.