Geschwisterbande

Nichts kann uns trennen

 

Neulich erzählte mir jemand, er wäre gerne alleine gewesen. Einen Bruder oder eine Schwester hätte er nie vermisst. Auch jetzt als Erwachsener käme er gut alleine klar.

Mich hat das traurig gemacht. Geschwister zu haben, bedeutet mir so viel. In der Kindheit gibt es jemanden, der genauso ist wie man selbst – während die Eltern scheinbar alterslos und allmächtig über einem schweben. Jemand, mit dem man sich streiten kann, mit dem man lachen und spielen kann, wenn die Freunde keine Zeit haben. Jemand, den man bewundern, hassen, verteidigen, anschreien und lieben kann.

Meine Mutter hat sich immer gewünscht, dass wir Geschwister uns verstehen. Füreinander da sind – auch wenn die Eltern eines Tages nicht mehr leben. Wenn wir im Flur standen und uns flüsternd darin bestätigten, dass unsere Mama total fies und gemein ist, weil sie unsere Legoteile, die in der Küche herumgelegen haben, in einen großen Müllsack gesteckt und im Keller verstaut hat, hat sie sich bestätigt gefühlt. Weil wir zusammengehalten haben. Besser, ihr wart auf mich wütend als auf euch, erklärte sie uns später, als wir schon lange groß waren.

In ihrer Familie sind die Geschwisterbande weitgehend zerbrochen. Jetzt, wo sie alle über 70 Jahre alt sind, verbindet die Schwester nichts mehr mit der Schwester und die Brüder nur noch der gemeinsame Nachname. Ich glaube fest daran, dass es mir nie so gehen wird. Auf meinen Bruder lasse ich nichts kommen. Und ich hoffe, dass eines Tages mein Sohn das auch über seinen Bruder sagen wird und umgekehrt.

 

Foto: Sandra Konold

Das Bild ist 2008 in Chimoio entstanden, der Provinzhauptstadt von Manica in Mosambik: Das Geschwisterpaar hat seine Eltern durch AIDS verloren. Das 7jährige Mädchen und der 11jährige Junge sind froh, einander als Bruder und Schwester zu haben, denn von der ehemals sechsköpfigen Familie sind nur noch die beiden übrig. Zusammen mit 18 anderen Kindern wurden sie adoptiert – von Catarina und Paulino, deren eigene Kinder schon erwachsen und außer Haus sind. Das sozial engagierte Ehepaar kümmert sich nicht nur um das seelische Wohl der Waisen, sondern sorgt auch für die Schulbildung der Heranwachsenden.

2008 ist ein belastendes Jahr: Infolge der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise verfünffacht sich im Oktober innerhalb kurzer Zeit etwa der Preis für ein Kilo Kartoffeln. Für den Haushalt mit 20 Kindern ist das dramatisch. Catarina hat als Sozialunternehmerin mit Opportunity International zusammengearbeitet. Dank ihrer Initiative haben mehr als 300 AIDS-Waisen eine neue Familie gefunden.

Dieser Beitrag ist Teil der 2-Blickwinkel-Serie, bei der sich die Journalistin Nicole Hein von einem Bild der Fotografin Sandra Konold inspirieren lässt – dergestalt, dass ihr ein Thema dazu in den Sinn kommt, zu dem sie schreibt. Genauere Informationen zum Foto sind zunächst unbekannt und eröffnen nachträglich eine vielleicht überraschende oder neue Sicht auf den Text. | nhein.de | sandrakonold.com