Herzensangelegenheit

„Schau mal, da liegen noch Papa seine Handschuhe. Die hat er bestimmt vergessen!“, rief mein Sohn gestern aufgeregt. Während der Kleine noch darüber grübelte, ob man die jetzt Papa ins Büro bringen müsste, beschäftigte den Großen was völlig anderes: „Das heißt Papas Handschuhe. Merk dir das endlich mal!“ Reflexartig tadelte ich ihn für den scharfen Tonfall, in dem er den jüngeren Bruder zurechtgewiesen hatte. Erst danach dachte ich über seine Worte nach und freute mich. Wie Recht er doch hatte! Jedes „Tom sein Schulranzen“ oder „Paula ihre Banane“ schmerzt schon fast körperlich. Was hat der Genitiv nur an sich, dass er so ungeliebt geworden ist?

„Dem Michael seine Jacke“

Noch heute bin ich meinem Klassenlehrer aus der Mittelstufe dankbar, der uns gnadenlos trimmte. Als Deutschlehrer war es ihm eine Herzensangelegenheit, jedes „dem Michael seine Jacke“ aufzuspüren und zu korrigieren: „Michaels Jacke ist vom Haken gefallen. Dem und sein will ich hier nicht hören!“ Nach drei Jahren Schliff wiesen wir in der 10. Klasse einen Mitschüler, der kurz vor acht Uhr noch im Halbschlaf rief, dass „dem Klaus sein Fahrrad“ nicht abgeschlossen wäre, im Chor auf seine Missetat hin.

Ein Herz für den Genitiv

Meine Schulzeit ist nun schon eine Weile her. Was die Zeit überdauert hat und heute noch mehr als damals geworden ist, ist das Vermeiden des Genitivs. Zwar gibt es einige Wenige wie Bastian Sick, der in der legendären Zwiebelfisch-Kolumne der Süddeutschen Zeitung auf die richtige Grammatik pochte, dennoch zieht der Dativ immer weiter in die Umgangssprache ein. Als Journalistin, die jeden Tag mit Sprache arbeitet, fällt mir das auf. Umso mehr freue ich mich, dass mein Grundschüler ein Herz für den Genitiv hat. Wenn diese Generation den grammatikalisch korrekten Fall hochhält, dann ist noch Hoffnung, dass er auch weiterhin unsere Sprache bereichern wird.

 

Foto: Nicole Hein

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