Warum fragt ihr?

Schwanger zu sein, wenn man sich das Kind wünscht, ist ein schöner Zustand. Als werdende Eltern waren wir gespannt und neugierig, malten uns viele Dinge aus, wie es mal sein würde mit diesem Kind, wie ES sein würde. Auch unser Umfeld war entzückt und erfreut und beteiligte sich gerne an den Spekulationen, die sich oft darum drehten, ob es ein Junge oder Mädchen würde. Über den Gesundheitszustand des Kindes hat sich bei meinen bisherigen Schwangerschaften eigentlich kaum jemand Gedanken gemacht. Es gab keine Auffälligkeiten, darum wurde wohl angenommen, dass alles ok ist. Auch von mir.

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Bis jetzt.
Ein Kind zu erwarten, wenn man bereits ein behindertes Kind hat, fühlt sich erstaunlich anders an.
Das liegt zum einen sicher an dem anderen Blick, den wir in den letzten eineinhalb Jahren auf das Leben bekommen haben, an den Menschen, die wir kennen gelernt haben, an den neuen Dingen, die wir erfahren haben. Zum anderen aber auch an den Reaktionen, die wir auf diese Schwangerschaft erhalten. Freute sich bei den vorangegangen Schwangerschaften eigentlich jeder und gratulierte, so sind die Reaktionen dieses Mal viel differenzierter. Einige gratulieren und freuen sich mit uns. Oft haben sie selber ein behindertes Kind oder arbeiten mit diesen Kindern. Andere reagieren verhaltener und immer wieder werde ich gefragt: „Oh, macht ihr denn dieses Mal (wenigstens) Pränataldiagnostik?“. Jedes Mal bin ich irritiert und frage mich, wie ich angemessen darauf reagiere. Was möchte der Fragesteller damit wissen? Was wird uns damit unterstellt? Warum sollten wir das machen? Mit welchem Ziel? Um „es“ vorher zu wissen oder um „es“ nicht zu bekommen? Weil ein behindertes Kind schließlich reicht? Weil wir ein hohes Risiko eingehen? Und warum sollte etwas nicht in Ordnung sein? Die freie Trisomie unseres Sohnes ist eine Laune der Natur. Eine gute, wie ich finde. Warum sollten wir also davon ausgehen, dass wieder etwas anders sein wird? Und wenn, warum sollte es uns Angst machen?

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Natürlich haben wir uns im Vorfeld Gedanken gemacht. Und natürlich waren sie anders, als bei den vorherigen Kindern. Dass die Dinge viel öfter anders laufen als man denkt und dass es auch einen selber treffen kann, wissen wir nun genau. Dass das Leben mit behindertem Kind anders ist, wissen wir ebenfalls. Dass es wunderschön ist, auch. Wir haben keine Angst, dass dieses Kind vielleicht „anders“ sein könnte. Vor dem Down-Syndrom haben wir schon mal gar keine Angst. Das kennen wir jetzt. Da wissen wir, was uns erwartet und was zu tun ist. Das wäre ja gradezu einfach. Und dann würden wir auch Lotto spielen. Weil ein Lottogewinn ähnlich wahrscheinlich ist, wie zwei Kinder mit Down-Syndrom zu bekommen. Gibt es trotzdem, aber Lottogewinne ja auch.
Dass wir nehmen, was kommt, egal was und wie es ist, war uns beiden klar. Unser Kind ist willkommen, so wie es ist. Darüber bin ich sehr froh. Wir vertrauen darauf, dass wir das hinkriegen, egal was. Wer uns kennt, müsste wissen, dass wir keine verantwortungslosen, unbedachten Menschen sind. Was fürchtet Ihr also, das Euch zu dieser Frage führt?

Hoch- oder tiefbegabt, schnell oder langsam, gesund oder krank – das Wenigste davon ist vor der Geburt bekannt und die wenigsten Menschen würden sich per se die Dinge zutrauen, die ihnen im Leben passieren. Dass sie diese dann trotzdem meistern und ihr Leben vielleicht sogar erfüllend finden, ist etwas, was die Pränataldiagnostik nicht vorhersehen kann. Da hilft vielleicht eine Kristallkugel. Ich denke darüber nach.

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Fotos: Merle Weidemann