Weg damit

Reparieren macht glücklich!

 

Gestern rumpelte es laut auf der Straße. Neugierig schaute ich aus dem Küchenfenster. Direkt vor unserem Haus fuhr der Nachbarjunge mit seinem Trettrecker auf und ab. Allerdings verursachte nicht das knallrote Gefährt diesen Lärm – der Trecker ist mit modernen Flüsterreifen ausgestattet – sondern der angekoppelte Anhänger. Der war eindeutig neu – und selbst gebaut. Räder und Anhängerkupplung gehörten dem Aussehen nach zu urteilen zu einem alten, längst kaputten Treckeranhänger, der Aufbau war aus Holzleisten grob zusammen gezimmert. Schön sah das Gefährt nicht aus, aber es erfüllte seinen Zweck. Denn es war bis oben hin mit Ästen, Steinen und einer Kinderschaufel beladen.

Ich war fasziniert. Denn heutzutage kauft man doch lieber neu, als zu reparieren oder gar aus alten Bauteilen etwas zu basteln:

Beim Spielzeug-Porsche fehlt ein Rad? Weg damit! Der Discounter hat sicherlich bald wieder einen Fuhrpark aus eleganten Sportflitzern im Angebot.

Das Smartphone hat einen Sprung im Display? Das taugt nur noch zum Entsorgen. Über’s Internet ist fix ein besseres Gerät bestellt.

Dem Kleinwagen ist an der Ampel ein anderes Auto reingefahren? Zwar ist der Ärger groß, doch bereits nach wenigen Tagen steht ein größeres Modell in der Garage, weil die Anschaffung unter’m Strich klüger war als die Reparatur des in die Jahre gekommenen kleinen PKWs.

Diesen Hang zum Wegwerfen und Entsorgen kennt wohl jeder. Der technologische Fortschritt, günstige Preise und schnelllebige Trends unterstützen diese Haltung noch nach Kräften. Immerhin muss die Wirtschaft florieren. Doch lange glücklich macht das Wegwerfen und Neukaufen nicht. Denn unser Herz hängt nicht an Dingen, die sich mal eben mit ein paar Klicks im Online-Shop ersetzen lassen. Es schlägt vielmehr für die hellblaue Jeans, die trotz Flicken am rechten Knie immer noch von allen Hosen im Schrank die bequemste ist, oder für das nicht mehr ganz moderne Auto, das man vom ersten eigenen Geld gekauft hat und an dem man kleine Macken im Lack eigenhändig wegpoliert hat.

Dem Nachbarjungen wird der aus alten und neuen Teilen gebaute Anhänger ein Leben lang in Erinnerung bleiben. Weil er einmalig ist, etwas Besonderes – und weil sein Vater die Liebe zu seinem Sohn darin mit verbaut hat.

 

Foto: Sandra Konold

Die Aufnahme ist 2010 in Ägypten entstanden, auf dem Markt für Stoffe, Kleider und Auto-Ersatzteile in Bulaq. Das ist ein Stadtteil von Kairo, der nahe dem Nil und den alten arabischen Vierteln liegt.

Der Markt ist von Einheimischen für Einheimische; Ausländer und Touristen sind dort äußerst selten zu sehen. Ausschließlich Männer verkaufen Waren, sie bieten auch Unterwäsche für Frauen feil …

Dieser Beitrag ist Teil der 2-Blickwinkel-Serie, bei der sich die Journalistin Nicole Hein von einem Bild der Fotografin Sandra Konold inspirieren lässt – dergestalt, dass ihr ein Thema dazu in den Sinn kommt, zu dem sie schreibt. Genauere Informationen zum Foto sind zunächst unbekannt und eröffnen nachträglich eine vielleicht überraschende oder neue Sicht auf den Text. | nhein.de | sandrakonold.com