Fliegen

Wie ein Vogel

 

Kürzlich las ich den Satz: Schaukeln ist wie Fliegen. Ich weiß nicht, wie sich ein Vogel fühlt, aber sich auf dem schmalen Brett hoch in die Lüfte zu schwingen, den Wind in den Haaren zu spüren und dann das Kribbeln im Bauch, wenn es wieder abwärts geht – das ist einfach wunderbar.

Kindheitserinnerungen

Als ich ein Kind war, stand eine schlichte, rot-blaue Metallschaukel in unserem Garten. Wenn es richtig in die Höhe ging, ruckelten die Beine der Schaukel in der Erde. Dieser leichte Ruck sorgte bei uns Kindern für die Extraportion Nervenkitzel: Wer schaffte es, so hoch zu schaukeln, dass sich die Schaukel aus dem Boden heben und davon fliegen würde? Natürlich ließ sich dieses Spiel nur spielen, wenn kein Erwachsener im Garten war.

Ein bisschen neidisch war ich immer auf die Schaukel meiner besten Freundin. Diese war aus Holz, groß und sehr stabil. Damit konnten wir zu zweit um die Wette fliegen: Wer erreicht als erster das Hausdach?

Bis in den Himmel

Dann kam lange Zeit nichts mehr. Ich wurde erwachsen. Als ich schon als Redakteurin in Köln arbeitete, fuhr ich jeden Tag auf dem Weg ins Büro mit dem Rad an einem Spielplatz vorbei. Dort stand sie, die größte und schönste Schaukel, die ich je gesehen hatte. Eines Abends war es so weit: Im Schutz der Dunkelheit schlich ich mich unauffällig zum Spielplatz – und schaukelte bis in den Himmel!

Seitdem schaukele ich wieder regelmäßig. Sogar tagsüber. Aus Köln bin ich irgendwann weggezogen. Aber Spielplätze mit Schaukeln, die nicht nur Kinderherzen höher schlagen lassen, gibt es auch anderswo.

 

Foto: Sandra Konold

Die Aufnahme ist 2006 in Nepal entstanden. Charikot ist ein kleiner Ort im Distrikt von Dolakha, östlich von der Hauptstadt Kathmandu gelegen.

Schaukeln aus hoch gewachsenem Bambus und Kokos-Seilen werden jedes Jahr nur für eine begrenzte Zeit errichtet; Anlass ist Dashain, das größte und längste Fest in Nepal. Es wird zwei Wochen lang gefeiert und ist im Stellenwert unserem Weihnachten vergleichbar. Die Menschen zelebrieren dabei den Sieg des Guten über das Böse.

Man sagt, dass beim Schaukeln alle schlechten Gefühle fortgenommen und von neuen, lebensspendenden ersetzt werden… Die hohen Schaukeln finden sich in der Stadt wie auf dem Land – zum Vergnügen aller.

Dieser Beitrag ist Teil der 2-Blickwinkel-Serie, bei der sich die Journalistin Nicole Hein von einem Bild der Fotografin Sandra Konold inspirieren lässt – dergestalt, dass ihr ein Thema dazu in den Sinn kommt, zu dem sie schreibt. Genauere Informationen zum Foto sind zunächst unbekannt und eröffnen nachträglich eine vielleicht überraschende oder neue Sicht auf den Text. | nhein.de | sandrakonold.com