Blaustrumpf

Kampf für das gleiche Recht

 

Als ich in den 1950ern zum Gymnasium wollte, musste ich kämpfen: “Für Mädchen reicht die Mittelschule, du wirst dann doch heiraten.” Als ich nach dem Abitur studieren wollte, hieß es: “Welcher Mann will denn eine studierte Frau heiraten?!” Und man nannte mich Blaustrumpf.

Zeiten des Umbruchs

Mitte der Siebziger Jahre heiratete ich – trotz des Studiums fand ich einen Mann! –, und er hätte mir wegen der damaligen Gesetzeslage in Deutschland noch untersagen können, berufstätig zu sein, insbesondere, wenn ich meine Haushaltspflichten nicht ordnungsgemäß hätte erfüllen können. Und das, obwohl wir beide in gleicher Position im selben Max-Planck-Projekt promovierten.

Ich war empört, wütend, verletzt. Und spätestens seit diesem Zeitpunkt ließ mich das Thema “Gleiche Rechte für Männer und Frauen” nicht mehr los. Ich schwor mir, ein Mädchenprojekt aufzubauen, sobald ich Gelegenheit dazu bekäme.

Das Gesetz zum möglichen Berufsverbot für Ehefrauen wurde 1977 aufgehoben. In relativ kurzer Zeit wurde viel erreicht bei uns, und obwohl wir noch nicht wirklich am Ziel angekommen sind, habe ich mitgenommen: Fortschritte sind möglich.

Lebenstraum

Als wir dann das erste Mal nach Nepal reisten, wurde mir schnell bewusst, welch glückliches Schicksal wir trotz aller noch vorhandenen Probleme haben, als Frauen in Europa zu leben. Wieviel Elend und Missachtung kann es dagegen für ein Mädchen bedeuten, zum Beispiel in Nepal geboren zu werden oder auch in anderen Ländern –ich erinnere nur an Indien!

Aber wie gesagt: Wandel ist möglich. Und das sah auch unser Freundeskreis so. Ich schlug vor, einen Verein zu gründen, der missbrauchten und gedemütigten Mädchen hilft, Versklavung zu entgehen. Vor acht Jahren haben wir deshalb pro filia gegründet und uns entschieden, konkret in Nepal anzufangen. Damit hat sich ein Lebenstraum von mir erfüllt.

pro filia

Ziel von pro filia ist, möglichst vielen Mädchen die Tür zu einem selbstbestimmten Leben zu öffnen. Vor allem dort, wo die Mädchen physisch, psychisch oder sozial benachteiligt sind – das kann durch die Verfassung, die herrschende Kultur oder die religiösen Rahmenbedingungen sein. Momentan konzentriert sich unser Verein auf Mädchen in Nepal, die in indische Bordelle verkauft wurden oder in der Gefahr sind, dorthin verschleppt zu werden.

MAITI unterstützt uns. Das ist eine nepalesische Nichtregierungsorganisation, die mehrere Schutzhäuser an der Grenze zu Indien aufgebaut hat. Die Mädchen finden hier Zuflucht und Schutz vor der indischen Prostitution. Aber auch, wenn sie krank und ohne Perspektive nach Nepal zurückkehren, werden sie hier aufgenommen: Sie erhalten medizinische und psychologische Betreuung, können am Schulunterricht teilnehmen und einen Ausbildungsplatz erhalten.

Erdbeben

Das Erdbeben in 2015 und die bürgerkriegsähnlichen Zustände, von denen Nepal kurz danach betroffen war, haben einige unserer geplanten pro-filia-Projekte ausgebremst. Und die Blockade der indischen Grenze hat die Lage noch zusätzlich verschärft. Eine Reise ins Projektgebiet wäre zu riskant gewesen, aber unsere gesammelten Spenden konnten wir weiterhin überweisen, um die betreuten Mädchen mit dem Notwendigsten versorgen zu lassen.

Erst ein Jahr später wurde mit dem Wiederaufbau begonnen, allerdings weniger durch die Regierung Nepals, als vielmehr durch die Eigeninitiative der Bevölkerung getragen. Flankiert von Hilfsorganisationen baute man Häuser auf, machte Wege zugänglich und verbesserte die Versorgung der Menschen wieder. Die Lage im Land stabilisierte sich.

Wiedersehen

Im November 2016 konnte ich deshalb mit einem Vorstandsmitglied von pro filia zu den Projekten reisen, die im Süden und vor allem im Osten Nepals liegen. Den ersten Stopp machten wir im Rehabilitationszentrum, nächstes Ziel war eines der Schutzhäuser an der indischen Grenze zu Darjeeling. Dort, im Schutzhaus von Pashupatinagar, finden jedes Jahr zwischen 300 und 400 gerettete Mädchen einen Zufluchtsort. Wir sprachen intensiv mit dem Team, zu denen auch die Grenzbeobachterinnen gehören.

Schutzengel oder Feind?

Die Grenzbeobachterinnen sind ein Grundpfeiler für die Arbeit von pro filia. Sie erleben ganz nah, mit welchen Tricks und Strategien die Mädchenhändler arbeiten. Die meisten Beobachterinnen wurden selbst davor bewahrt, in ein großes Unheil zu laufen. Bei ihren Einsätzen an der Grenze arbeiten sie immer zu zweit, außerdem in gutem Einvernehmen mit den Grenzpolizisten aus Nepal und Indien, die im Hintergrund stehen und bei Gefahrensituationen eingreifen.

Fällt den Beobachterinnen auf, dass eine minderjährige oder sehr junge Frau in Begleitung eines Mannes die Grenze nach Indien passieren möchte, halten sie die Fußgänger, Rikschas oder Autos an, gehen gezielt auf das Mädchen zu und sprechen mit ihm über das hohe Risiko, das es gerade eingeht. Ich bewundere, mit welcher Energie und Klarheit sie die Mädchen und zugehörigen Männer ansprechen, sie befragen und sich nicht abwimmeln lassen.

Seit dem Katastrophenjahr ist die Arbeit allerdings sehr herausfordernd geworden. Die Grenzbeobachterinnen erzählten mir, dass der Mädchenhandel massiv zugenommen hat. Und inzwischen werden sie von den Mädchen, die sie schützen wollen, immer öfter als Feinde empfunden. Wie das kommt?

Unfreiwillig gerettet

Grund ist eine inzwischen besonders beliebte Strategie der Schlepper: In vielen Fällen treten die Menschenhändler gar nicht mehr mit den von Armut betroffenen Familien in Kontakt, um ihnen für ihre Töchter vermeintliche Perspektiven – etwa als Hausmädchen in Indien – zuzusichern. Stattdessen werben junge Männer direkt um die Mädchen. Sie verführen sie und versprechen ihnen eine Heirat und ein Leben wie im Bollywood-Film, um sie dann doch fast immer an Bordelle zu verkaufen.

Eine 14-Jährige, der ich begegnet bin, hatte einen jungen Mann aus freien Stücken begleitet und war von zuhause fortgelaufen. Ihre Eltern hatten sie schon als vermisst gemeldet. Die Jugendliche war nicht dankbar oder erleichtert, sondern voller Vorwürfe gegen die Beobachterinnen und Polizisten, die sie an der Grenze aufgehalten hatten. Sie fühlte sich um ihr Liebesglück und ihre strahlende Zukunft betrogen und kauerte im Schutzhaus am Boden zerstört in einer Ecke. Sie war überzeugt, von einem liebenden Mann getrennt worden zu sein.

Es braucht Zeit und viel Aufklärung, bis solche Mädchen akzeptieren, dass sie einer großen Katastrophe entronnen sind. In diesen Situationen kommt es öfter zu Aggressionen. Deshalb werden wir jetzt auf Wunsch der Grenzbeobachterinnen eine Fortbildung finanzieren, die auch Deeskalationstrainings beinhaltet. Zurzeit finanzieren wir die Gehälter von 30 jungen Frauen. Jede von ihnen vermittelt pro Jahr etwa 50 gefährdete Mädchen direkt von der Grenze ins Schutzhaus!

Wünsche

Wir besuchten noch mehrere neue Schneidereien, die wir mit Hilfe von Spenden installiert haben, und außerdem die (inzwischen acht!) aufgebauten Schreibbüros. Diese Maßnahmen schaffen Arbeitsplätze und ermöglichen jungen Frauen neben einem eigenen kleinen Einkommen auch PC-Kompetenzen.

Nepal haben wir in dem Wissen verlassen, dass die pro-filia-Projekte gut aufgestellt sind und dass viele Mädchen und Frauen unterstützt werden können auf ihrem Weg in ein selbstbestimmtes Leben.

Mein Wunsch ist noch größer geworden, diesen teils traumatisierten jungen Menschen weitere Perspektiven zu eröffnen. Dazu brauchen wir neben einer Menge Engagement – wir arbeiten alle ehrenamtlich – möglichst viele Mitglieder und Spenden.

Für den guten Zweck

Unsere nächste große Veranstaltung wird die 4. Kunstauktion von pro filia  in Münster sein. Im Auftrag von 45 KünstlerInnen werden 89 Werke versteigert. Rund die Hälfte des Erlöses wird an pro filia gespendet. Die Einladungskarte finden Sie hier.

 

Text: Dr. Johanne Feldkamp

Wer zu pro filia persönlichen Kontakt aufnehmen möchte, wendet sich am besten an

Dr. Johanne Feldkamp
Marientalstraße 78
48149 Münster

Tel. 0251 1620856
kontakt@profilia.eu

Foto: Sandra Konold

Dandagaun, Rukum Distrikt, Nepal, Januar 2008: Die Tochter des Schmieds hält ihre kleine Schwester auf dem Arm. Beide Mädchen wohnen in einem Dorf, wo vor allem so genannte ‘Dalits’ leben. Dalit ist ein Wort aus dem Sanskrit, das die unterprivilegierten Gruppen der Gesellschaft bzw. die Opfer des Hindu-Kastensystems beschreibt, die auch als ‘Unberührbare’ bezeichnet werden.

Obwohl das Kastensystem in Nepal offiziell abgeschafft worden ist, besteht es in den Köpfen vieler Menschen weiter. Der Ort Dandagaun war Teil des FSRP-Programms (Food Security and Rehabilitation Project) der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), inzwischen umbenannt in Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).

Girl (daughter of the blacksmith) carrying her sister (sibling) - both living in the village Dandagaun (pronounce: Daragaun) which is mainly inhabited by so called Dalit people (Dalit is a designation for a group of people traditionally regarded as 'untouchable') - the village has been part of the Food Security and Rehabilitation Project (FSRP) of the German Technical Cooperation (then GTZ - now GIZ) / Maedchen (Tochter des Schmieds) mit ihrer Schwester (Geschwisterkind) auf dem Arm - wohnhaft im Dorf Dandagaun (sprich: Daragaun) wo vor allem so genannte Dalits leben (Dalit ist ein Wort aus dem Sanskrit das die unterprivilegierten Gruppen der Gesellschaft bzw. die Opfer des Hindu-Kastensystems beschreibt, die auch als 'Unberuehrbare' bezeichnet werden) - der Ort war Teil des FSRP-Programms (Food Security and Rehabilitation Project) der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) - inzwischen Deutsche Gesellschaft fuer Internationale Zusammenarbeit (GIZ) / Nina (hija del herrero) cargando su hermana - ambas viviendo en el pueblo Dandagaun (pronunciar: Daragaun) donde sobre todo vive gente dalit ('intocables') - el pueblo fue parte del programa FSRP (Food Security and Rehabilitation Project) de la GTZ (entonces) - GIZ (ahora) Dandagaun (village / Dorf / pueblo), Rukum District / Rukum Distrikt / Distrito de Rukum, Nepal January / Januar / Enero 2008