Die Auftrags-Kuh

Wenn ich in den Urlaub fahre, bleibt mein Laptop Zuhause. „Und falls was Dringendes anfällt?“, fragen mich bisweilen freie Textkollegen. Nur um gleich darauf vorwurfsvoll zu sagen: „Also ich habe meines immer dabei!“ Jeder so, wie er mag, denke ich im Stillen. Bislang hatte noch jeder potenzielle Auftraggeber Verständnis für meinen Urlaub bzw. ließ sich ein eiliger Auftrag problemlos an einen Kollegen aus meinen Netzwerk weiterreichen. Dieses Jahr habe ich eine Ausnahme gemacht. Nicht beim Laptop, aber beim Arbeiten. Da es in Dänemark so viele fotogene und noch dazu frei laufende Kühe gibt, bin ich mit dem Auftrag losgefahren, (wenn möglich) ein paar Fotos von den Tieren zu schießen.

Warten auf das perfekte Licht

In der ersten Woche suchte ich vergeblich Kühe, die bereit waren, sich für mich in Pose zu werfen. Noch dazu fehlte mir die Motivation, beruflich auf Kuh-Pirsch zu gehen. Das Schluderleben am Meer oder auf der Terrasse mit einem Buch war viel angenehmer. Urlaub ist schließlich Urlaub – und schließlich gab es noch eine zweite Woche. In den letzten Urlaubstagen, nachdem die mitgebrachte Lektüre restlos durchgelesen war, konnte ich mich schließlich aufraffen. Die Abendsonne schien mit einem angenehm weichen Licht und die passenden Rindviecher hatte ich doch noch gefunden.

Wie schnell kann ein Rind rennen?

Allerdings wussten die Kühe das nicht. Sie standen entweder so, dass nur Fotos gegen die Sonne möglich gewesen wären oder schliefen zu einem schützenden Kuh-Knäuel zusammengekuschelt. Auftrag ist Auftrag, motivierte ich mich und schlängelte mich unter dem Zaun durch. Ich schlug mich tapfer durchs Heidekraut, wich riesigen Kuhfladen aus und bekämpfte meine Angst vor Zecken. Als ich mich den schlafenden Tieren näherte, stand die Leitkuh auf und ließ mich nicht mehr aus den Augen. Geschichten von Kühen, die Menschen totgetrampelt hatten, schossen mir durch den Kopf. Und die Frage, wie schnell ein frei lebendes, gut trainiertes Rindvieh wohl laufen kann. Ich beschloss, den strategischen Rückzug zu wählen und mich langsam unauffällig zum Zaun zu bewegen. Wieder im Ferienhaus angekommen, schickte ich meinem Auftraggeber eine SMS: „Versuch für heute gescheitert. Kühe ließen sich nicht fotografieren. Hoffe morgen auf fotogenere Rindviecher.“

Gestörte Idylle: Schlafende Kühe in Dänemark
Gestörte Idylle: Schlafende Kühe in Dänemark
„Ach guck mal, was für niedliche Kühe!“

Am nächsten Abend war das Licht ebenso perfekt, die Rinder waren wach und näher am Zaun. Nachdem auch die letzten deutschen Touristen mit den Worten „Ach guck mal, was für niedliche Kühe!“ außer Sichtweite waren, wagte ich mich wieder auf die Weide. Dieses Mal hatte ich mir Verstärkung mitgebracht: Ein Familienmitglied, das die Aufgabe hatte, mich zu warnen, wenn hinter meinem Rücken eine galoppierende Kuh Kurs auf mich nahm. Doch ich glaube, die Rinder hatten genauso viel Respekt vor mir, wie ich vor ihnen. So lange ich ein paar Meter Distanz wahrte, blieben sie mir freundlich gesonnen und ließen sich bereitwillig fotografieren. Vermutlich kannten sie es sogar, dass Touristen Fotos von ihnen schossen. Zufrieden kontrollierte ich später im Auto auf dem Kamera-Display meine Fotoausbeute und meine Schuhe auf Reste von Kuhkacke. Alles paletti. Bei meinem Auftraggeber erhöhte ich die Spannung per SMS: „Habe ein paar brauchbare Kühe. Maile sie, sobald ich wieder zu Hause bin.“

 

Foto: Nicole Hein