Die gute Nachricht

Heute feiern wir Remys fünften Geburtstag. Fünf Jahre, die schnell vergangen sind. Fünf Jahre, in denen Remy viel gelernt hat und wir auch. Fünf Jahre, in denen er aber nicht genug gelernt hat. Nicht genug für das nächste Kapitel. Mit fünf, da ist es nicht mehr weit bis zur Schule. Fünf, das ist ja kurz vor sechs.

Schule, der Gedanke daran bereitet mir schon seit langem schlaflose Nächte.

Mit unserem Umzug aufs Land haben wir uns – aus schulischer Sicht – einiger Möglichkeiten beraubt. Montessori, Primus- und Grundschulen mit Erfahrung im Bereich der Inklusion von Kindern mit Down-Syndrom, das war ein mal. Aktuell zur Auswahl stehen eine Dorfgrundschule, von der ich für Kinder über oder unter dem Durchschnitt nicht viel Gutes höre, schon gar nichts von Engagement, sowie eine Förderschule in ca. 20 Kilometer Entfernung. Die Grundschule haben wir noch nicht mal besichtigt, denn ihr fehlt ein eingezäuntes Gelände. Punkt eins auf unserer Liste. Wir wissen, wie schnell und unvermittelt Remy rennen kann, wie er blitzschnell unter Hecken durchkriecht, auf die Landstraße rennt, Zäune und Leitern erklimmt und kaum zu bremsen ist. Im Kindergarten ist er aus dem Fenster getürmt, bei uns unter der Hecke durchgekrochen – Nachbars Katze hinterher – im Urlaub die Leiter des Vermieters hoch bis aufs Flachdach und dort frei von Angst herum gelaufen. Wir wissen um seine Abenteuerlust und dennoch können wir nicht jeden Ausflug vermeiden. Seine sehr erfahrene I-Kraft im Kindergarten auch nicht. Doch wenn wir es schon nicht schaffen, wie soll das dann einem fachfremden I-Helfer in der Schule gelingen? Bis zur nächsten Kreuzung ist es nicht weit, die LKW donnern dort vorbei. Der Bäcker liegt auf der anderen Straßenseite, das Kind isst für sein Leben gerne Laugenstangen. Das Risiko, uns ist es schlicht zu groß. Nein, Einsperren wollen wir ihn nicht. Und lernen soll er all das auch. Aber vor allem am Leben bleiben. Und so lange Autos keine Gefahr für ihn sind, Ampeln ohne Bedeutung und das Schauen nach links und rechts ebenso, so lange ist das für uns nicht realistisch. Schule mit allen anderen. Auch, wenn ich weiß, dass I-Kinder in Inklusionsklassen im Stoff im Schnitt ein halbes Jahr weiter sind, als Kinder auf Förderschulen. Gezählt werden da natürlich nur die, die überleben.

Mein Kind auf eine Förderschule zu schicken, das fühlt sich schon ein wenig an wie scheitern. Weil Inklusion ja der richtige Weg ist. Weil Remy dazu gehört und nicht aus dem Leben der anderen verschwinden sollte. Weil es ja kein Wunder ist, dass Andere Vorurteile haben, wenn sie keine Berührungen mit Menschen mit Behinderung haben. Weil es schlicht heißt, er schafft nicht das, was ‚alle‘ schaffen. Einfach in die Schule gehen und dort lernen. Weil er einen anderen Rahmen braucht.

Lange dachte ich, er wird dahin gehen, wo seine Freunde sind. Und dann wird das schon klappen. Aber gleichaltrige Freunde hat er kaum. Er orientiert sich eher an den Kindern, die seinem Entwicklungsstand entsprechen. Und die sind nun mal deutlich jünger. Wie seine kleine Schwester. Auch dieser Grund fällt bei der Schulwahl weg. Und wenn er keine richtigen Freunde hat und weit und breit der einzige ist, der so anders ist, dann weiß ich nicht, wie lange das für ihn ok ist. Wann er das merkt, wann die anderen. Und wie es sich anfühlt, alleine hinterher zu hinken. So zumindest stelle ich es mir vor.

Förderschule, da habe ich Angst, dass viel Schuhe binden geübt wird aber wenig Lesen und Schreiben. Klar braucht man alles davon im Leben, aber dass Remy so viel lernt, wie er kann, das ist mir wichtig. Denn noch habe ich die Vorstellung (und Hoffnung), dass er ein irgendwie selbstständiges Leben führen kann. In welcher Form auch immer. Und Förderschule, das heißt für mich auch, kein Abschluss und zwangsläufig Werkstatt. Das heißt auch auf lange Sicht keine Inklusion.

Also schauen wir uns (mit etwas mulmigem Gefühl meinerseits) die in frage kommende Förderschule an. Wir nehmen am Tag des offenen Unterrichts teil. Bekommen eine Führung durch das Gebäude, begutachten den Zaun – hoch genug ist er – und hören von anderen Kindern mit Kletter- und Wegrennkünsten, die erweiterte Aufsicht genießen, damit sie nicht abhanden kommen. Ich spüre, wie ich ruhiger werde. Ich sehe die Therapieräume, den Snoozleraum, Werkräume und Küche und entspanne mich zusehends. Ich weiß, hier sieht der Stundenplan anders aus. Und vieles davon würde Remy sehr gefallen.

Wir hospitieren im Deutschunterricht der ersten Klasse. Fünf Kinder sitzen dort. Eine Lehrerin vor ihnen, eine hinter ihnen. Die eine spricht mit den Kindern ein Gedicht durch, die andere hilft ihnen, am Platz zu bleiben, zuzuhören, wieder in die Konzentration zu kommen. Etwas, das Remy genau so bräuchte. Auch die gebärdenunterstützte Kommunikation, die immer wieder zum Einsatz kommt und die alle Lehrer, besonders in den unteren Klassen, beherrschen. Er spricht zwar immer mehr und bis zum Schuleintritt sicher noch viel mehr, aber in unruhigen Situationen helfen die Gebärden sehr, ihn zu erreichen.

Vielleicht ist die Förderschule doch kein Eingeständnis des Scheiterns. Zumindest nicht unseres Scheiterns. Sondern eher des Scheiterns der übers Knie gebrochenen Inklusion. Vielleicht ist es für Remy ein Ort, an dem er langsam in ein neues Kapitel starten kann, in dem er umgeben ist von Kindern, die zumindest teilweise sind, wie er. In dem es etwas behüteter zugeht, als an der normalen Grundschule. Und vielleicht ist das auch ok. Vielleicht kann er die Zeit bekommen und dann können wir immer noch schauen, wie es weiter geht. Vielleicht ist die gute Nachricht, dass er gut aufgehoben wäre, auch wenn ich (theoretisch) voll für Inklusion bin. Aber nicht um jeden Preis.

Die Gute Nachricht ist, er wird heute erst fünf. Fünf, das ist ja immer noch vor sechs. Und als Winterkind wird er erst mit sechseinhalb eingeschult. Also schauen wir mal, was noch passiert im nächsten Jahr. Aber die Förderschule, die beunruhigt mich nicht mehr.

Titelfoto: Patrick Bühr
 Fotos und Text: Merle Weidemann