Die Kanzlerfrage

„Ich will, dass mein Kind selber entscheidet, ob es Kanzlerin wird oder nicht. Es soll die Wahl haben!“ lese ich von einer Mutter, deren Kind laut Pränataldiagnostik möglicherweise behindert ist. Nun überlegt sie, ob sie das Kind bekommen soll oder nicht. Weil sie kein behindertes Kind haben will. Keins, was von vornherein in seiner Wahl so eingeschränkt ist. Keins, das nicht alle Möglichkeiten haben wird.

Die Kanzlerfrage stellt sich für unseren Sohn nicht. Und viele andere sicher auch nicht. Physiknobelpreis, Professor, Arzt, Jurist, das steht für ihn wohl alles außer Reichweite. Für viele gesund geborene Kinder aber auch. Die Vorstellung, Kinder hätten die freie Wahl, was sie in ihrem Leben einmal werden wollen, wenn sie ohne Behinderung geboren werden, halte ich für eine Illusion. Viele Berufe und Lebensentwürfe scheiden schnell aus. LRS, ADS, Autismus, Epilepsie, Depression, Magersucht, ein Unfall, wenig Ehrgeiz oder schwache Nerven, die falschen Freunde oder die Zugehörigkeit zur falschen Partei. Es gibt genug, was einen am glamourösen Aufstieg hindern kann. Das muss kein Down-Syndrom sein.

Doch statt eine Mängelliste aufzustellen, was er alles mal nicht kann, sehe ich eher die Dinge, um die ich mich nicht sorgen muss. Er wird zwar kein Kanzler, aber wohl auch kein Amokläufer. Kein Drogendealer, Zuhälter, Mörder oder Diktator.

Er wird hoffentlich seine Neigungen und Talente entfalten und etwas finden, das ihn glücklich macht. Ob Kanzlerin ein erfüllender Beruf ist, mehr als Gärtner oder Tierpfleger, das kann ich nicht sagen. Das müsste man mal die Kanzlerin fragen.

Foto: Merle Weidemann