Frieden IV

Solidarisch sein

 

Jussef, den wir Jussi nennen, wird seit Januar 1988 vermisst. Einen Monat vorher hatte die erste Intifada, der Aufstand der Palästinenser, begonnen. Bei uns war noch alles ruhig, in Bethanien gab es weder Steineschmeißereien noch brennende Reifen wie anderswo. Israelische Militärwagen patrouillierten regelmäßig.

An einem kühlen und regnerischen Abend, als wenig Leute draußen waren, hatte Jussi mit Freunden Fußball gespielt. Danach sprach er auf der Straße mit einer alten Frau. Das ist die letzte Person, die ihn gesehen hatte.

Mit vier Jahren war Jussi zu uns gekommen. Immer werde ich mich an den Tag erinnern, an dem ich ihn bei seinem Halbbruder, der auch sein Vormund war, abholte. Wie ein lebloser Stock stand er da, er bewegte sich nicht, weder sprach noch weinte er. War er geistig behindert? So sah er jedenfalls aus.

Nachdem er sich bei uns eingelebt hatte, wussten wir, dass dies seine Art war zu reagieren, wenn er sich fremd fühlte, unwillig oder wütend, enttäuscht oder unglücklich war. Der Vorhang des Schweigens, mit dem er seine kleine sensible Person gegen die Außenwelt abschirmte, blieb aber nicht oft lange zugezogen.

Über Jussis Zeit als Kleinkind wussten wir wenig. Sein Vater heiratete im Alter eine sehr junge Frau. Die Söhne aus erster Ehe waren damit nicht einverstanden und brachen die Beziehung mit dem Vater ab. Nach dessen Tod haben sie trotzdem die Verantwortung für die beiden Kinder aus dieser zweiten Ehe übernommen. Aber Jussi kam ins Kinderhaus, da die Frau des Halbbruders, die sich um ihn hätte kümmern sollen, krank war. Seine Mutter war in ihre Familie zurückgekehrt und hat später wieder geheiratet.

Jussi wurde ein fröhlicher, ausgeglichener Junge mit viel Eigeninitiative. Er schien sich bei uns unter all den anderen Kindern wohl zu fühlen. Als einer der Kleinen bekam er viel Zuwendung. Nur vor der Nacht hatte er große Angst. Wenn es dämmerte, wollte er nicht mehr auf der Terasse bleiben, auf der wir abends oft saßen oder spielten. Um ihm zu helfen, diese Angst zu überwinden, setzte ich mich manchmal mit ihm in das kleine Wäldchen hinter dem Haus, solange es noch hell war. Miteinander beobachteten wir, wie das Tageslicht verblasste. Die ersten Sterne am Himmel begeisterten Jussi – für mich waren es unvergessliche Stunden.

Einige Jahre später, Jussi war bereits in der Schule, holte der Halbbruder ihn in seine Familie zurück. Dort war er glücklich, und auch in der Schule ging es gut. Weiterhin beteiligte er sich an vielen unserer Aktivitäten. Er kam mit auf Ausflüge, zum Schwimmen und feierte mit uns Geburtstage und Feste. Oft brachte er einen gleichaltrigen Neffen mit. So blieben unsere Beziehungen bestehen, auch wenn er nicht mehr bei uns lebte.

Als Jussi spurlos verschwand, war er 14 Jahre alt.

Jussi taucht nicht wieder auf

Sein Bruder unternahm alles, was in solchen Fällen getan werden muss: Vermisstenmeldung bei der Polizei und dem Roten Kreuz, Fotos in drei lokalen Tageszeitungen, Suchaktionen in den Grotten und Tälern der Umgebung. War Jussi von einer der im Dorf zirkulierenden Militärpatrouillen mitgenommen worden? Niemand hatte etwas gesehen, man konnte es nicht wissen. Einmal, als der Bruder sich wieder in einem Büro der Militärregierung nach Jussi erkundigte, teilte man ihm mit, dass er selbst ins Gefängnis käme, falls er weiterhin lästig sei.

Assis, ein junger Mann des Dorfes, war kurze Zeit im Gefängnis von Dahryah gewesen und erzählte, dort sei ein Junge aus Bethanien, das habe er von Mitgefangenen gehört. Sie hatten ihm durch einen Spalt in der Tür den Jungen gezeigt, der gerade im Hof war, und als wir Assis ein Foto von Jussi zeigten, glaubte er, diesen wiederzuerkennen.

Der Bruder tat, was gang und gäbe war. Er stellte sich mit einem Foto in der Hand so vor das Gerichtsgebäude von Hebron, dass die Gefangenen, die zur Verhandlung geführt wurden, es sehen konnten. Mit einem Kopfnicken konnten sie im Vorbeigehen auf solche Bilder reagieren. Drei der Gefangenen haben auf diese Weise bejaht, dass sie Jussi kannten. Einer sagte sogar: „Das ist der mit den Ohren.“ Jussi hatte ganz besondere Ohren, groß, abstehend und von bizarrer Form.

Für uns war es ein eindeutiger Beweis, dass er in Dahryah war. Die Behörden stritten dies jedoch ab, und wir leiteten mit Hilfe einer israelischen Menschenrechtsorganisation ein gerichtliches Verfahren ein. Der Rechtsanwalt sicherte uns eine Antwort der Justizbehörde innerhalb von wenigen Tagen zu. Offensichtlich war jedoch die Lage in diesen Instanzen unübersichtlich und das Chaos groß. Die Intifada war in vollem Gange, die Behörden schienen durch die Ereignisse überfordert zu sein. Immer wieder wurden wir vertröstet.

Zusammen mit anderen Eltern, die nach ihren Söhnen suchten, wandte sich der Bruder direkt an den Gefängnisdirektor in Dahryah. Dieser schrieb die Namen der Vermissten auf und bat um eine Stunde Zeit.

Nach dieser Stunde mussten sie hören: „Ich sage euch nicht, ob eure Kinder hier sind oder nicht.“ Was hatte er zu verheimlichen?

Immer, wenn wir hörten, dass hier oder da Gefangene entlassen worden waren, ging ich mit Jussis Bruder hin in der Hoffnung, Hinweise zu bekommen. Für uns war es ein großer Schock, Einzelheiten über Folter und Haftbedingungen zu erfahren. Zwar wusste man schon lange, dass in den israelischen Gefängnissen, hauptsächlich in der Untersuchungshaft, gefoltert wird. Von unseren Gesprächspartnern zu hören, was ihnen widerfahren war, überstieg jedoch jede Vorstellung.

Und wo war Jussi? Hatte er Hunger? War ihm kalt? Hatte er Angst vor der Nacht wie früher? Wurde er auch gefoltert? Auf unsere Fragen gab es keine Antwort. Sein Bruder sagte oft: „Wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, um ihn zu finden, und das übrige Gott überlassen.“

Jussi tauchte nicht wieder auf.

600 Stunden Mahnwache

Die Geschicht über Jussi, der verschwand und nie wiederkam, ist zu Ende. Aber manchmal habe ich den Eindruck, Jussi habe mich an der Hand genommen und mich irgendwohin geführt, wo ich gar nicht hinwollte. Ich begann, mir Fragen zu stellen, die mir vorher kaum in den Sinn gekommen wären. In schlaflosen Nächten, in denen meine Gedanken herumschwirrten wie Vögel in einem Käfig, hatte ich das Gefühl, die Verzweiflungsschreie unseres Jussi zu hören.

Hatten wir, die von Folterungen wussten, nicht die Pflicht, dies an die Öffentlichkeit zu bringen? Und wenn ja, an welche Öffentlichkeit? An die, in deren Namen es geschieht? Ich weiß, dass Israel nicht das einzige Land im Nahen Osten ist, wo gefoltert wird, ja, dass die Situation Gefangener andernorts vielleicht noch schlimmer ist. Die Israelis sind stolz auf ihr Land, das die einzige Demokratie im Nahen Osten sein will. In einer Demokratie handelt eine Regierung im Namen des Volkes; auch die Armee und die Polizei foltern im Namen des Volkes. Viele Israelis wären entsetzt, wenn sie wüssten, was hier geschieht.

Aber wollte die israelische Öffentlichkeit überhaupt wissen, was in ihrem Namen geschieht? Ich erinnere mich an einen offenen Abend in den siebziger Jahren, zu dem eine Freundin Juden und Palästinenser eingeladen hatte. Wir waren über 30 Personen, und es wurde viel diskutiert. Bodenenteignungen in Galiläa und der gewaltlose Kampf der Bewohner von Ikrid und Birham um ihre Rechte. Ich wusste auch von Enteignungen in der Jerusalemer Gegend und brachte diese ins Gespräch. Da die anwesenden Israelis mir nicht glauben wollten, schlug ich vor, Interessierte mit dem Auto hinzufahren, damit sie sich überzeugen könnten. Niemand war dazu bereit. Hatten sie Angst, bestätigt zu bekommen, was sie nicht wissen wollten? Die anwesenden Palästinenser schwiegen; wollten sie keine Missstimmung aufkommen lassen?

Nach Jussis Verschwinden wurde mein Bedürfnis, die Wahrheit ans Licht zu bringen, zwingend. Ich wusste, dass palästinensische Väter, Mütter und Ehefrauen von der jüdischen Öffentlichkeit nicht ernst genommen würden, hätten sie den Mut zu sprechen. In den Augen der meisten Israelis sind sie nichts anderes als Feinde, die Bosheiten erfinden. Ich als Ausländerin würde eher beachtet, und ich kannte Israelis, die meine Gesinnung teilten. Gemeinsam entschlossen wir uns, mit einer Mahnwache anzufangen. Wir schrieben in arabischer, englischer und hebräischer Sprache auf Kartons und Stoffbänder: „In Solidarität mit den palästinensischen Kindern in israelischen Gefängnissen“.

Der Polizeioffizier, der uns eine Genehmigung gab, schlug vor, wir sollten uns vor der Polizeistation Moskobia aufstellen. Dort gibt es auch ein Gefängnis und mehrere Gerichtsgebäude, und wir merkten bald, dass sich der Platz gut eignete. An manchen Tagen waren über fünfzig Palästinenser da, vor allem Frauen. Einige erkundigten sich mit einem Foto nach einem Angehörigen, so wie wir nach Jussi gefragt hatten. Andere warteten darauf, ihren Mann, Bruder oder Sohn zu sehen, wenn er zur Gerichtsverhandlung über den Platz geführt wurde. Auch wer eine Besuchserlaubnis hatte, musste oft stundenlang warten. Viele erzählten uns ihre Geschichten: Geschichten von Verhaftungen, Demütigungen, Gewalt, auch Geschichten über die Zerstörung von Essensvorräten, über Schüsse in die Wasserbehälter auf dem Dach ihrer Häuser oder andere Vandalenakte.

Unsere Aktion stieß bei den Palästinensern auf Unterstützung. Dass wir eine so kleine Gruppe waren und trotzdem dastanden, weckte allerdings Erstaunen. Eine blinde Mutter, die zeitweise drei Söhne im Gefängnis hatte, schloss sich unserer Mahnwache an, manchmal auch andere Frauen. Sie konnten jedoch nicht verstehen, dass wir schweigen wollten, wenn wir beschimpft wurden. Für sie war undenkbar, auf das Wort „Hure“ nicht zu reagieren. Sie meinten, unsere Ehre verteidigen zu müssen und schimpften mit ähnlichen oder noch schlimmeren Ausdrücken zurück. Wir konnten sie nicht davon überzeugen, dass Schimpfwörter den, der sie ausspricht, mehr beschmutzen als den, dem sie gelten. Manchmal verloren wir während dieser Schreiereien die Geduld und entfernten uns für eine Weile mit unseren Spruchbändern.

Wir bekamen nicht nur viele Aggressionen zu spüren, wir wurden auch ermutigt, und dies nicht nur von palästinensischer Seite. Einmal drückte mir ein israelischer Offizier die Hand, um sich zu bedanken. Ich muss ihn ziemlich verständnislos angeschaut haben, denn er wiederholte: „Ja, ich meine es wirklich: Vielen Dank, dass ihr da seid.“ So ähnlich äußerte sich auch eine orthodoxe Jüdin, wann immer sie vorbeikam. Dies bestärkte uns darin, die weniger freundlichen Reaktionen mit Gelassenheit entgegenzunehmen.

Mit dem Finger an Schläfe oder Stirn zu tippen, ist eine unmisserverständliche Geste, mit der uns ein älterer, gediegener Herr regelmäßig aus seinem gelben Auto grüßte, wenn er vorbeifuhr. Sein Chauffeur aber blinzelte uns mit freundlichem Lächeln zu.

Spucken ist hier eine übliche Ausdrucksweise von Verachtung. Wir hatten jedoch einen Riesenspaß daran, als ein Autofahrer vergaß, vorher die Fensterscheibe herunterzudrehen.

Eine alte, gebückte Frau, die fast täglich nach zwölf Uhr vorbeikam, schüttelte zwar den Kopf über unsere Plakate, drückte mir aber manchmal einen Kuss auf die Wange oder eine Orange in die Hand. Dann überquerte sie souverän die Straße, so, als ginge sie das Hupkonzert nichts an; sie war schwerhörig.

Ein baumlanger Journalist, mit Eiscreme in der Hand, kam gerade angeschlendert, als ein Mann mit weit geöffnetem Mund seinen Aggressionen freien Lauf ließ. Wie ein Mikrofon hielt er ihm sein Eis vor den Mund und forderte ihn auf, uns anständig zu behandeln.

Was wir alles zu hören bekamen, gäbe ein Geschichtsbuch ganz eigener Sorte. Mir fiel es oft schwer, diesen gratis gegebenen Geschichtsunterricht nicht mit Bemerkungen oder Lachen zu unterbrechen. Ein junger Mann wollte uns davon überzeugen, dass Israel in den Jahrzehnten der Besetzung den Fortschritt gebracht hätte durch den Bau von Schulen, Universitäten und der El-Aksa-Moschee. Oft wurde argumentiert: „Wir geben ihnen ja Arbeit, was wollen sie mehr?“ Es waren nicht selten aus westlichen Ländern eingewanderte Juden, die diese kolonialistische Meinung vertraten. Oft wurden wir auch gefragt, ob wir von der PLO bezahlt würden und ob wir nichts anderes zu tun hätten.

Für mich war es eine harte Schule, nur zuzuhören. Ich habe dabei auch gelernt zu hören, wie manch aggressive Haltung aus früher Erlebtem oder Erlittenem kam. Da wurden wir von selbst still.

Ruhig blieben wir aber nicht, wenn man uns die Etikette des Antisemitismus anhängen wollte. Einmal, weil Lawrence, der meistens dabei war, selber Jude ist, dann aber auch, weil wir uns den Freunden in den israelischen Friedensinitiativen verbunden fühlen, und diese sagen stets, dass es keine Friedenschance für Israel gibt, solange die Rechte der Palästinenser nicht anerkannt werden. In diesem Sinn versuchten wir denen zu antworten, die sich auf Diskussionen einließen.

Eine große Freude war für mich zu hören, dass auf diese Weise einer angefangen hatte nachzudenken. Er hatte, wie er eingestand, uns zuerst beschimpft; das zweite Mal diskutierten wir, und dann kam er vorbei, um uns zu sagen, dass wir ihn überzeugt hätten.

Im Laufe der Zeit brachten wir weitere Slogans mit, zum Beispiel: „Wisst ihr, was in den israelischen Gefängnissen geschieht?“ oder „In Solidarität mit den Opfern der Besatzung – Israelis und Palästinensern“. Gerade dieser Spruch war Anlass zu vielen Fragen. Es irritierte, dass wir uns nicht klar auf die eine oder andere Seite stellten. Es gab lange Diskussionen mit den Palästinensern, und wir erklärten ihnen, warum wir sie nicht als die einzigen Opfer der Besatzung ansehen. Nicht nur deshalb, weil auch auf israelischer Seite Unschuldige verletzt oder getötet werden. Wir wiesen darauf hin, dass viele Wehrpflichtige, die im besetzten Gebiet Ruhe und Ordnung herstellen sollen, noch sehr jung sind und von dieser Aufgabe überfordert werden. Es ist kein Wunder, wenn sie ihre Selbstkontrolle verlieren und sich zu Handlungen hinreißen lassen, die ihnen im Grunde zuwider sind. Auf den Altären der Macht werden Menschen zu Unterdrückern erniedrigt. Und es gibt eine Spirale der Gewalt, in der es keine Gewinner, sondern nur noch Opfer gibt.

Als wir im März 1988 mit den Mahnwachen anfingen, hatten wir keine Vorstellung davon, wie lange sie dauern würden. Während der ersten fünf Monate standen wir täglich, außer samstags, zwischen elf und ein Uhr im Schatten eines Maulbeerbaumes. Dann reichten Zeit und Kräfte nur noch, es zweimal wöchentlich zu tun. Als wir im August 1990 aufhörten, waren es über 600 Stunden gewesen. Die häufigste Frage an uns war, warum wir hier und nicht anderswo ständen, zum Beispiel in Syrien, Sri Lanka, Iran, Irak, Afghanisten, Russland. Wir selbst zweifelten auch manchmal: „Nützt das alles etwas? Ist das nicht ein verlorener Wassertropfen im Meer?“ Vielleicht! – Aber besteht nicht auch das Meer nur aus Wassertropfen?

Text: Marylène Schultz
Fotos: Sandra Konold
Marylène ist schon seit mehr als 20 Jahren im Ruhestand. Das hält die ehemalige Heimerzieherin aber nicht davon ab, immer noch für Kinder da zu sein. Hier lenkt sie ein Mädchen während der Dialyse von seiner Nierenkrankheit ab, mit einem selbst gebastelten Brettspiel. Die Mutter des Kindes freut sich offensichtlich darüber. Jerusalem, Ölberg, Augusta-Viktoria-Hospital, Dezember 2017.

Marylène Schultz ist Elsässerin, inzwischen 87 Jahre alt, Palästina-Aktivistin. 1963 war Marylène das erste Mal im Nahen Osten. Zunächst reiste sie mit einem Programm des Christlichen Friedensdienstes aus der Schweiz für drei Monate in einen israelischen Kibbuz. 1966 wurde sie dann als Heimerzieherin angefragt. Aus einem Jahr Freiwilligendienst in El Azarie, damals Jordanien – heute Westjordanland –, wurden 50 Jahre Sesshaftigkeit. Davon war sie beruflich 30 Jahre lang in einem Heim aktiv: für Behinderte, Waisen und Kinder aus sozial schwachen Familien. Gegründet hatte diese Einrichtung eine christliche Palästinenserin, die Bedürftigen helfen wollte, und zwar ungeachtet ihrer Herkunft, Religion und finanziellen Situation.

Marylène hat die Arbeit mit Kindern stets geliebt und ihr eigenes Zimmer in der Unterkunft zeitweilig in einen Mini-Kindergarten umgewandelt gehabt. Das Band zu den Kleinen wurde so stark, dass sie beim Ausbruch des Sechstagekrieges 1967 darauf verzichtete, nach Europa zurückzukehren, obwohl ihre Entsende-Organisation ihr das anbot. Wieso sollte sie gehen, wo doch die anderen nicht ziehen konnten? Sie tröstete die Kinder und lenkte sie von den Bombardierungen ab, so gut es ging. Als Ausländerin hatte sie in den Wirren jener Zeit mehr Bewegungsfreiheit als andere. Weil Araber mit einer Ausgangssperre belegt waren, übernahm sie Botengänge zwischen Azarieh und Jerusalem, half Verletzten und suchte Vermisste. In jener Zeit voller Nöte und zwischenmenschlich intensiver Begegnungen wurde diese Region zur Heimat für sie. Gab es jemals einen Plan, den Rest ihres Lebens in Palästina zu verbringen? Nein, sagt sie, aber es sei nie die Zeit gewesen wegzugehen. Und im Dorf ihrer Eltern in Frankreich hätte sie sich unnütz gefühlt, erst recht in ihrem Lebensabend.

Nach dem Sechstagekrieg übertrug die palästinensische Heimverwaltung Marylène und einer schweizer Kollegin die Verantwortung für 30 Kinder. In den nächsten drei Jahrzehnten lebte Marylène mit ihnen in einem Haus und begleitete damit unzählige junge Menschen in ihr Leben. Zu vielen pflegt sie heute noch Kontakt, inzwischen erwachsen und mit eigenen Familien.

Seit dem Verschwinden des Heimjungen Jussi setzt sich Marylène demonstrativ für ein Ende der Unterdrückung und Gewalt ein, wobei sie sich weder auf die eine noch auf die andere Seite des Konfliktes schlägt. Ihr geht es um Empathie für die Opfer auf beiden Seiten: Besatzer wie Besetzte werden ihrer Meinung nach entmenschlicht und geschädigt. Sie möchte sich nicht entmutigen lassen und mit kleinen Schritten beitragen zu einer friedlicheren, besseren Welt.

In ihrem Buch “Die Waisenkinder von Bethanien” schreibt Marylène über ihr Leben und Erleben mit den Kindern, über die leichten und schweren Momente des Alltags. Hier wurden zwei Kapitel aus dem dritten Teil des Buches “Zwischen Resignation und Hoffnung” wiedergegeben.

Durch eine Freundin wurde ich auf Marylène Schultz aufmerksam. Ihr Leben, ihr früher innerer Ruf, sich für Kinder am Rande der Gesellschaft einzusetzen sowie ihre klare Haltung zum Menschlich- und Solidarisch-Sein beeindrucken mich, ebenso ihr Sinn für Gerechtigkeit.

FRIEDEN IV ist der vierte Teil eines Fotoprojekts, für das ich Menschen porträtiere, die wegen ihrer Erlebnisse einen ganz eigenen Blick auf das Thema haben.