Heimatgefühle

Heimatgefühle

Meine Tante, die kurz vor ihrem Tode von meiner Mutter zu sich auf den Bauernhof geholt wurde, stieß einen Seufzer aus, als der Wagen die Hofeinfahrt befuhr: „Haime, loiv Haime“, sagte sie auf Plattdeutsch, Heimat, liebe Heimat.

Meine Tochter, die lange Monate in Amerika zur Schule ging, in einer fremden Familie lebte, weiß, was Heimweh heißt. Gerade die Weihnachtszeit und den Geburtstag fern von zu Hause zu verbringen, ist ihr besonders schwer gefallen.

Mit der bitteren Gewissheit, die Heimat und ihre Familie wohl niemals mehr wiederzusehen, haben Verwandte von mir am Ende des neunzehnten Jahrhunderts als Wirtschaftsflüchtlinge Deutschland für immer verlassen und in Amerika eine neue Heimat gefunden. Sie wollten nicht zurück und haben doch der Heimat hinterhergejammert.

Die Freundin, die nach vielen wechselvollen Stationen und nach Jahren in der Entwicklungshilfe am anderen Ende der Welt wieder nach Deutschland kam, zog bewusst zurück in ihre Heimatstadt. Sie nimmt es in Kauf, nun jeden Tag mehr als 200 km mit dem Zug zur Arbeit und zurück zu fahren.

 

“Haime, loiv Haime”

 

Beispiele wie diese lassen sich zuhauf finden. Aber mal ehrlich, es fängt ja schon im Kleinen bei uns an: Wer freut sich nicht, nach einem redlich verdienten, erholsamen Urlaub wieder nach Hause zu kommen, die eigenen Räume in Beschlag zu nehmen und Licht und Sonne nach Wochen wieder hinein zu lassen? Staunend sieht man, wie hoch der Rasen inzwischen gewachsen ist, dass Blumen verblüht sind und der Salat geschossen ist. Nachbarn werden begrüßt, vom Urlaub wird erzählt, schnell ist man wieder daheim.

Doch was heißt eigentlich „daheim“? Was ist „Heimat“? Ist es da, wo ich geboren bin? Ist es da, wo ich die meiste Zeit meines Lebens verbringe? Ist es da, wo meine Eltern wohnen? Gibt es überhaupt ein Haus oder einen Ort, an dem ich Heimat festmachen kann?

Oder ist es nicht vielleicht (nur) ein Gefühl, das ich gar nicht genau beschreiben kann und das ich mit einem für mich wichtigen Ort verbinde?

 

“Es ist die Sehnsucht nach Geborgenheit, nach Sicherheit, nach Ankommen und In-sich-ruhen-können.”

 

In einer globalisierten Welt, die durch Fernsehen und Neue Medien alle Grenzen sprengt, in der man per Mail und Messenger-Dienste schnell und unkompliziert miteinander kommuniziert und Infos „teilt“, in der man den Urlaub im Netz bucht und gerne vor der Haustür japanisch oder italienisch isst, leuchtet im neuen Heimatkult die Sehnsucht nach dem Zuhause auf.

Es ist die Sehnsucht nach Geborgenheit, nach Sicherheit, nach Ankommen und In-sich-ruhen-können. Die Sehnsucht nach einem Ort, der vertraut ist, mit Menschen, bei denen man sich fallen lassen kann, wo die Welt einstürzen könnte und einem dennoch nichts passiert. Wo ich verwurzelt bin oder Zeit genug habe, neue Wurzeln zu schlagen.

Es ist das frühe Glück einer unbeschwerten Kindheit, schreibt der Publizist Udo Marquardt. Einer Kindheit, die voller Träume, voller Zuversicht und Vertrauen, voll Spiel und voll Zufriedenheit war. Der Wert dieses Glücks geht einem erst dann auf, wenn man es nicht mehr oder nicht immer hat, wenn es nicht selbstverständlich ist. Trauer über unwiederbringlich Vergangenes schwingt mit und Dankbarkeit für die gute Erinnerung daran.

 

“Wo ich verwurzelt bin oder Zeit genug habe, neue Wurzeln zu schlagen.”

 

Heimat ist für mich aber mehr als eine Utopie, wie Ernst Bloch es schreibt, nicht nur ein Sonnenstrahl aus glücklichen Kindertagen. Heimat ist nicht nur eine Sehnsucht oder ein unbeschreibliches Gefühl. Heimat hat für mich viel damit zu tun, angenommen zu werden, willkommen zu sein, dableiben zu dürfen.

Klar, dass ich das mit dem Ort verbinde, an dem ich bei meinen Eltern aufgewachsen bin. Desgleichen mit dem Ort, an dem ich seit langem mit meinem Mann lebe, an dem auch unsere Kinder groß geworden und von da in die Welt gegangen sind. Mit einem Ort nämlich, an dem ich sein kann, wie ich bin. Und wahrscheinlich geht es nicht nur mir so.

Warum gibt es „Heimat“ eigentlich nur in der Einzahl?

 

FOTOS: LUISE RICHARD (LANDSCHAFT), SANDRA KONOLD (PORTRAIT)

 

VERÖFFENTLICHT VON LUISE RICHARD

Luise Richard

Luise (Dipl. Ing.agr) betreibt als freie Journalistin dren!text Kommunikation und das Redaktionsbüro Richard. Ihre Schwerpunkte sind: Landwirtschaft, Ernährung und Gesundheit | ländliche Entwicklung | Soziales, insbesondere Jugend- und Familienhilfe. Außerdem ist sie Inhaberin der m8 Galerie für Handgemachtes in Drensteinfurt.