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Jo aus Maastricht

Begegnung mit Jo

Jo-Maastricht-Michel-Huismann-Heike-Baller-2Da sitzt er – vornübergebeugt, die Füße sind eingedreht wie bei einem kleinen Kind, die Hände klammern sich an der Bank fest. Als ich ihn so sehe, fasst seine Verzweiflung nach meinem Herzen. Ich setze mich neben ihn und spüre, wie einsam er ist. Vorsichtig fasse ich nach seiner Hand – sie ist eiskalt und bewegt sich nicht bei meiner Berührung. Auch ein Streicheln über die Haarbüschel an seinem Kopf – keine Reaktion.

Kein Wunder.

Jo, der Bär, ist aus Bronze.

Er sitzt auf einer Bank im Stadtpark von Maastricht – mit Blick auf das alte Bärengehege, in dem er selbst leben musste. Und viel zu früh starb. Jo, der Bär, wurde nur 24 Jahre alt. Er schaut nicht auf diesen Ort seines Leidens. Wenn er überhaupt was sieht, in seiner Verzweiflung, dann den Boden zwischen seinen Hinterpranken.

Die Bärengrube beherbergt heute 12 Skulpturen ausgestorbener Tiere aus vielen Erdteilen.

Jo und diese Tiere sind alle von Michel Huisman geschaffen worden. Der Künstler hat es geschafft, in diese Bronzeskulptur so viel Gefühl zu legen – wer ihn in meinem Umfeld kennt, spricht vom „traurigen Bären“ – wir sind da wohl nicht die einzigen.

Ich habe Jo – wie alle, die im Stadtpark spazieren – zuerst von unten gesehen, vom Spazierweg aus. Der kleine gewundene Weg nach oben war verlockend – und ich wollte das Gesicht sehen.

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Was mich dann aber ganz überrumpelte: Jo, der Bär aus Bronze hat Menschenhände. Noch wenn ich das hier so schreibe, rührt mich das an. Ein kleines Detail, das erst beim Näherkommen sichtbar wird – Michel Huisman macht Jo zu meinem Bruder, zu meinem traurigen, verzweifelten Bruder.

Recherche zu Jo und Michel Huisman

Das alles – Bärengrube, früher Tod und Name – kannte ich nicht, als ich Jo das erste Mal sah und ihn fotografierte. Doch ich wollte wissen, wer ein so berührendes Kunstwerk geschaffen hatte. Erste Anlaufstelle war das Fremdenverkehrsamt – ich bekam zwar eine nette Mail an „beste Heike“, aber keine Info. Inzwischen hatte ich einen schlecht übersetzten Blogbeitrag gefunden, in dem der Name des Bären und die Geschichte des Geheges  zu lesen waren – deshalb wusste ich Jos Namen -, aber der Name des Künstlers war nicht dabei. Die Geschichte des Bärengeheges ist wirklich schrecklich – nicht dass Sie denken, das sei eine längst vergangene Geschichte: Jo lebte in den 80ern dort! Eine Anfrage bei einem der Museen in Maastricht – mit Hinweis auf den Flop beim Verkehrsamt – brachte mir eine Antwort mit dem Rat, mich doch bitte ans … Genau … Auf den Seiten der Stadtverwaltung fand ich auch nichts wirklich Passendes – ich kann halt kein Niederländisch. Und nu?

Schwarmintelligenz als letzter Ausweg. Nein, nicht Wikipedia. (Da hatte ich ja auch schon geguckt ;-) )

Twitter! Ich stellte meiner Timeline die Frage nach dem Künstler, mit Bild von Jo. Innerhalb von fünf Minuten hatte ich den Namen des Künstlers. Und weitere fünf Minuten später einen Zeitungsartikel.

Das war ein schöner Rechercheerfolg :-)

Bei meinem nächsten Besuch weiß ich dann, warum Jo so traurig ist. Ich werde mich wieder neben ihn setzen.

Blogwichtelbutton-Texttreff

Dieser Artikel ist ein Gastbeitrag von Heike Baller. Sie ist eine liebe Netzwerkkollegin vom Texttreff – und dort bewichteln wir uns gegenseitig mit Blogbeiträgen.

 

Heike-Baller-Susanne-FernSeit 1995 arbeitet Heike Baller als freiberufliche Rechercheurin und gibt ihr Wissen in Seminaren, Workshops und Vorträgen weiter. U.a. lehrt sie seit 2015 an der Universität zu Köln Internet- und Literaturrecherche.

 

Fotos:

Bär von der Seite: Heike Baller

Jo von unten: Johannes Baller

Porträtfoto: Susanne Fern