Kreative Schreibspiele

Von Leitern, Launen und Leichen

 

Was haben stürzende Schlangen und gebildete Würfel mit Leichen im Keller zu tun? Sie alle gehören zu meinen Kreativen Schreibspielen. Denn mit spielerischen Ansätzen die Kreativität hervorzulocken, funktioniert wunderbar.
Es gibt viele Bücher zum Kreativen Schreiben – über Theorien, darüber, wie es mehr oder weniger berühmte Autoren selbst angehen, und über Anstöße, mit denen sich das weiße Blatt füllen lässt. Einige Schreibanregungen tauchen immer wieder auf, weil sie so naheliegend und gut umzusetzen sind: einen Text zu einem Bildmotiv schreiben oder eine Geschichte aus einem vorgegebenen Anfangssatz entwickeln oder … Abseits der vielfach beschrittenen Wege gibt es eine Reihe von weiteren Schreibimpulsen, die man zum Beispiel in der Abwandlung von klassischen Kinderspielen oder in speziell entwickelten Geschichtenerzähl-Materialien findet.

Wer mehr darüber erfahren möchte, sollte den monatlichen Autoren-Newsletters Tempest studieren, denn seit dem Herbst 2015 bis zum März 2016 stelle ich dort an jedem 20. so einiges vor: von der Idee über die benötigten Materialien bis zu Beispielen und Erfahrungen aus der Praxis. Viel Spaß beim Ausprobieren!

Roryʾs Story Cubes

9 Würfel, 54 Bilder, 10.000.000+ Kombinationen, unendliche Geschichtenvielfalt! – So preist der Hersteller seine Geschichtenwürfel an. Mit den gewürfelten Bildern kann man einzeln oder in der Gruppe Geschichten erzählen bzw. diese Würfel als Schreibanregung nutzen. Der erste Spieler beginnt, eine Geschichte zu erzählen, indem er ein Würfelbild aussucht. Dann nimmt er einen anderen Würfel seiner Wahl, ordnet dieses Bild in seine Geschichte ein und erzählt weiter. Und so immer weiter bzw. lässt sich diese Grundidee vielfach variieren: Als Fortsetzungsgeschichte, mit verschiedenen Würfelsets – es gibt auch welche mit Wörtern statt Bildern darauf –, zum Weiterschreiben und -zeichnen, …

 

 

Fantasiefiguren – Knickzettelspiel

KnickzettelgeschichteEin Klassiker auf den Kindergeburtstagen meiner Kindheit: Jeder schreibt etwas auf einen Zettel, knickt diesen so, dass der Nachbar nicht sehen kann, was man geschrieben hat, reicht den Zettel weiter, der nächste schreibt wieder etwas auf, knickt wieder um und so weiter. Als Schreibanregung gebe ich hierbei immer bestimmte Kategorien vor: Der erste nennt etwas zu „Statistischen Angaben“, das sind Dinge wie Name, Alter, Familienstand usw. Der nächste schreibt etwas zum Aussehen, der nächste zum Charakter, dann folgt etwas zur Ausbildung/zum Beruf, danach etwas zu Vorlieben und Abneigungen und schließlich gibt es bei mir noch die Kategorie „Leiche im Keller“. Damit ist ein (lustiges) Geheimnis gemeint, das einer Figur noch eine Extra-Note verleiht. Hier kommen solche Sachen zutage wie „klaut Socken in Umkleidekabinen“ oder „hat in seinem Gottesdienst-Liederbuch einen Krimi versteckt“ oder „leckt in Restaurants heimlich Besteck an anderen Tischen ab“. Wenn die geknickten Zettel ausgefüllt sind, bekommt der folgende Spieler eine Übersicht über seine Figur, bei der die unterschiedlichsten Ideen zusammengetragen sind. Die Schreib- oder Erzählaufgabe lautet nun meist: Stell dir eine Szene vor, die deine Figur erlebt!
Bei dieser Runde gibt es immer viel zu staunen und zu lachen.

Stadt, Land, Fluss

Stadt Land Fluss für Kreative SchreibspieleDen Kinderspielklassiker kennt beinahe jeder: Auf einem Zettel wird eine Tabelle angelegt. Fürs Kreative Schreiben bieten sich andere Kategorie als bei der klassischen Variante an, zum Beispiel  „Name“ (Wie heißt der Held/die Heldin?), „Ort“ (Wo ist der Held/die Heldin – Stadt/Stelle), „Beruf/Tätigkeit“ (Was hat der Held/die Heldin gelernt bzw. was macht er/sie gerade?), „Lieblingswort“ (Was sagt der Held/die Heldin am liebsten – Redeweise, Sprichwort, Ausdruck o. Ä.) und „Laune“ (Wie fühlt/benimmt sich der Held/die Heldin gerade?).
Einer sagt leise das Alphabet auf, ein anderer sagt irgendwann „Stopp“ – so wird der erste gemeinsame Buchstabe ermittelt. Zu diesem Buchstaben füllen alle möglichst zügig die Felder der einzelnen Kategorien aus. Mit dem „B“ könnten wir zum Beispiel „Bertram“ (Name), „Badewanne“ (Ort), „Bäckereifachangestellter“ (Beruf/Tätigkeit), „Boa hey“ (Lieblingswort) und „brumselig“ (Laune) notieren. Eine solche Runde macht schon alleine Spaß – insbesondere Kinder arbeiten hier bereits schön mit ihrem Sprachwortschatz und haben viel Spaß beim Vorlesen. Je großzügiger die Vorgaben ausgelegt werden, desto lustiger wird die Vorleserunde, wie „Babybreitester“ als Beruf oder „Baumhausbett“ als Ort.
Als Schreibanregung sollte es jedoch noch eine oder zwei weitere Runden – mit jeweils anderen Buchstaben – geben. Hier noch eine Reihe mit „K“: „Korbinian“, „Konstanz“, „Korbflechten“, „das kotzt mich an“, „kitzelig“.
Nun kommt die Schreibanregung: Die so gefundenen Figuren werden nun in eine gemeinsame Szene geschickt. Ich nutze „Stadt, Land, Fluss“ gerne dazu, um Dialoge zu schreiben, denn mit Dialogen stehen viele Autoren auf Kriegsfuß. Hier hat man zwei oder drei Figuren, die sich an einem der gefundenen Orte (oder eine Kombination aus beidem, hier „Badewanne in Konstanz“) treffen, die jeder einen Beruf und eine Befindlichkeit mitbringen und einen Lieblingsausdruck. Die beiden kommen schnell ins Gespräch, denn es ist eine spannende Frage, was Korbinian in Bertrams Badewanne macht. Da ist ein „boah ey“ sicherlich nicht fehl am Platze, oder?

Leiter-Schlangen-Würfelspiel

Kreative Spiele fürs Kreative SchreibenDiese Variante des klassischen Gänsespiels vereint die vorgestellten Schreibanregungen. Damit kann jeder ein Geschichtengerüst entwickeln, das sich danach zu einer Kurzgeschichte ausbauen lässt. Auf einem Spielplan gehen die Mitspielern nach Würfelaugen voran. Zu den Feldern, die sie erreichen, gibt es eine Liste mit Fragen, die sie beantworten müssen. Erreicht man ein Leiterfeld, darf man über die Leiter nach oben klettern, durch eine Schlange rutscht man wieder ein paar Felder nach unten.
So kann man in einem Namensbuch eine Hauptfigur – mit zum Namen passenden Charakterzügen – finden. Durch die Geschichtenkarten findet man einen Ort. Aus dem Raum, in dem gespielt wird, wählt man ein Accessoire aus, das im Text vorkommen soll. Vorgegebene Anfangs- und Endsätze aus (berühmten) Romanen, von denen jeweils einer blind gezogen wird, schaffen den Rahmen für den eigenen Text.
Daraus – ebenso wie aus allen vorgestellten Spielanregungen – ergeben sich die spannendsten, lustigsten und erstaunlichsten Geschichten, egal wie unsicher die Mitspieler vorher waren!

Wer diese und andere (spielerische) Schreibanregungen mal „live“ und mit erfahrener Anleitung ausprobieren möchte, schaut unter www.muensters-schreibwerkstatt.de nach den nächsten Terminen.