Lambertus

O Bur, wat kost’t dien Hei …

 

Regionale Traditionen sind etwas Schönes, vor allem, wenn sie so wie bei mir, ohrenschmausende und geruchsintensive Kindheitserinnerungen auslösen. Das Lambertusfest, das in Münster gefeiert wird, gehört dazu. Mitte September wird in Münsteraner Gemeinden, an Kindergärten und Grundschulen die Lambertus-Pyramide aufgebaut; meist ein dreieckiges Holzgerüst, an dem grüne Zweige oder Blumen befestigt werden. Zur Abenddämmerung versammeln sich Kinder und Erwachsene, stecken ihre Laternen an die Pyramide und singen gemeinsam die traditionellen Lambertus-Lieder.

So die Theorie. In der Praxis läuft es leider meist anders: Die Pyramide scheint bis kurz vorher verschwunden oder ist reparaturbedürftig, für Blumenspenden sind die Eltern zu beschäftigt (und die Kinder dürfen nicht mehr alleine losziehen, um passenden Schmuck zu sammeln), und am großen Tag selbst erscheint ein klägliches Trüppchen. Oder es erscheinen so viele, dass die Hälfte der Erwachsenen nicht mitbekommt, wenn es mit den Lambertus-Spielen losgeht, und sich fröhlich weiter unterhält, was nicht zur Konzentration der Kinder und der Qualität der Gesänge beiträgt …

Dennoch mag ich Lambertus und wäre sehr betrübt, wenn dieses Stück kulturelle Identität im ganz kleinen regionalen Rahmen vollständig in Vergessenheit geriete. Denn macht es uns nicht gerade aus, dass wir irgendwo verwurzelt sind, um umso sicherer die große weite Welt mit all ihren unterschiedlichsten und spannenden Entdeckungen zu meistern?

Für alle Nicht-Münsteraner und historisch Interessierten noch der Nachtrag, woher die Lambertus-Tradition stammt: Im katholischen Münsterland geht der Name selbstverständlich auf einen Bischof, Lambert von Lüttich mit Namen, zurück. Er wurde 705 am 17. September erschlagen, weil er die Immunität der Kirche gegenüber dem Staat verteidigt hatte. Zuerst (~ 1781) gefeiert haben die Handwerker, die an den kürzer gewordenen Tagen Mitte September mit einem Laternenumzug symbolisch das Licht an ihre Arbeitsplätze zurückholten. Und weil eben am 17. September der Gedenktag des Heiligen Lambert ist, kam das Fest zu seinem Namen. Nachdem diese Tradition zunächst wegen ihrer Ausschweifungen unterbunden worden war, lebte es um 1909 mit dem frisch eingeweihten Lambertibrunnen vor der Lamberti-Kirche wieder auf – jetzt zum harmlosen Kinderfest umfunktioniert.

Klassische Lambertus-Lieder

„Laurentia, liebe Laurentia mein“ – körperlich anstrengende Einstimmung: Alle fassen sich an den Händen und gehen gemeinsam im Kreis. Bei jeder Erwähnung von „Laurentia“ oder einem Wochentag gehen alle in die Knie. „Laurentia, liebe Laurentia mein, wann werden wir wieder beisammen sein? Am Montag. Ach, wenn es doch erst wieder Montag wär, und ich bei meiner Laurentia wär, Laurentia wär. Laurentia, liebe Laurentia mein, wann werden wir wieder beisammen sein? Am Dienstag. Ach, wenn es doch erst wieder Montag, Dienstag wär, und ich bei meiner Laurentia wär, Laurentia wär.“ Und immer so weiter …

„Dumme Liese hole Wasser“ – theoretisch in Unendlich-Schleife zu singen. Die Liese soll Wasser holen, kann es aber nicht, weil der Topf ein Loch hat. Heinrich hat viele schlaue Tipps, wie sie das Loch stopfen kann; am Ende benötigt sie jedoch ebenfalls dazu Wasser …

„O Bur, wat kost’t dien Hei“  – ein plattdeutsches Stück, das traditionell am Ende gesungen wird. Ein mit Kiepenkerl-Hemd und -Tragekorb (noch so eine Münsterländer Tradition) sowie Holzschuhen bekleideter Mann zieht um die Pyramide und sammelt in jeder Strophe einen Gefährten dazu: eine Frau, einen Knecht, einen Hund usw. Zum Schluss bekommt er einen Schubs und die Kinder erhalten den Inhalt seines Korbes: meistens Äpfel.

Fingerabdruck_Lambertus

Wer gerade in der Nähe ist: Vielleicht findet sich ja noch eine Gruppe, bei der man mit um die Pyramide ziehen kann?