Mensch & Hund II

Draußen zuhause

 

Die ersten Nächte in der Wohnung meiner Freundin konnte ich nicht gut schlafen. Die Matratze war mir zu weich, da habe ich mich mit meiner Decke auf den Boden gelegt. Nach acht Jahren auf der Straße war so ein normales Bett ungewohnt für mich.

Zwischen Extremen

Meine leibliche Mutter war Hippie und ich  ungeplant  ihr erstes Kind. Sie hat mich zur Adoption freigegeben, als ich ein Jahr alt war, weil eine Familie zu haben damals nicht zu ihrem Leben gepasst hat. Meine richtige Mutter ist mit 32 an einem Hirntumor gestorben. Sie ist Krankenschwester gewesen, eine Hünin. Ihr Mann hat mich dann ziemlich schnell ins Heim gebracht, ich war acht. Lange ausgehalten habe ich das nicht und bin von dort mit zwölf abgehauen. Zuerst nach Dortmund, später nach Maastricht.

Schwarz und Weiß

Ich weiß, dass ich extrem bin. Für mich gibt es nur Schwarz und Weiß; dazwischen ist nichts. Das hat sicher mit meinem Leben zu tun und wie es gelaufen ist. Ich war und bin noch rebellisch. Und teils gegen die gesellschaftlichen Strukturen.

Wegen meiner Mutter habe ich eine Therapie gemacht. Und manchmal habe ich Flashbacks, dann kommen Erinnerungen zurück und ich erlebe Gefühle, die eigentlich schon zur Vergangenheit gehören. Das ist der Grund, warum ich vor vielen Jahren die Diagnose ‘Sozial-Phobie durch Schicksalsschläge und Verluste mit Aggression und Randale als Folgeerscheinung’ bekommen habe und eine Erwerbslosenrente beziehe. Ich eigne mich nur bedingt für die Zusammenarbeit mit anderen Menschen. Heute ist mir und auch vielen anderen klar, dass man in bestimmten Lebenslagen Hilfe und Verständnis braucht – und nicht Heim oder Knast.

Normal?

Mir fällt auf, dass ich immer öfter mit normalen Leuten zu tun habe. Normal ist für mich alles, was nicht nächste Woche anruft und fragt: ‘Kannst du für 14 Tage meine Blumen gießen? – Ich bin im Knast.’ Früher habe ich fünf Tage gefeiert und einen gebraucht, um klarzukommen, heute ist das umgekehrt. Ich werde wohl doch ein Stück normaler… eigentlich beruhigt mich das.

Egal, wieviel Rebell in dir steckt: Du stellst irgendwann fest, dass es zu anstrengend ist, immer gegen den Strom zu schwimmen, immer wieder eine aufs Maul zu kriegen. Normalsein hat nicht immer was mit Einstellung zu tun, sondern damit, dass du mal in Ruhe einen Kaffee trinken willst, ohne von der Polizei gesucht zu werden. Ich stand irgendwann bei Interpol auf der Liste und weiß übrigens bis heute nicht, warum.

Wer mich siezt, kann gehn

Am Anfang und Ende des Semesters bin ich Gastdozent an der Fachhochschule für Sozialwissenschaften. Ich sage dann ‘Moin, ich bin Jörg – wer mich siezt, kann gehn!’ Da sitzen Studenten, die Sozialarbeiter und Bewährungshelfer werden zum Beispiel. Die haben später mal mit Obdachlosen zu tun oder mit Leuten, die klauen. Denen mache ich klar, dass Diebstahl nicht gleich Diebstahl ist. Wenn jemand was zum Essen mitgehen lässt, hat er eine andere Motivation als jemand, der ein Handy klaut. Das kann man doch nicht auf die gleiche Art bestrafen! Ich erzähle denen von meinem Leben ohne Bleibe, und sie stellen mir Fragen, wie es ist, draußen zuhause zu sein. Die wollen wissen, was ich erlebt habe und was mich beschäftigt.

Ich möchte nichts missen

Es hat immer Leute gegeben, die sich um mich gekümmert haben. Ich möchte nichts missen von meinem Leben. Mir haben andere Menschen oft geholfen. Als ich 20 war, bin ich zu meiner Freundin gezogen, und das war das Ende von meinem Dasein auf der Straße. Seit dieser Zeit gucke ich mir öfter Dokumentationen und andere Wissenssendungen an, weil mich das sehr interessiert. Nebenbei fertige ich Lederwaren. Und ich gehe jeden Tag mit Hunden raus, nehme noch welche von anderen Leuten mit, wenn sie keine Zeit haben, eine Runde mit ihnen zu drehen.

Hunde sind meine Familie

Das Beste an Hunden ist ihre Treue. Hunde sind meine Familie, mein alles. Den ersten eigenen hatte ich in der Zeit ohne Obdach, ich glaube, mit vierzehn, aber in Kontakt mit Hunden bin ich seit dem ersten Tag auf der Straße. Am längsten hatte ich Sandy und Kassy: 16 ganze Jahre. Sie waren meine Kinder, und manchmal heule ich heute noch, wenn ich an sie denke.

Text: Jörg Dahlberg mit Sandra Konold

Seine Hunde hatte und hat Jörg von der Russlandhilfe. Auf die Frage hin, weshalb von dort, die kurze und vielsagende Antwort: In Russland möchtest du kein Hund sein.

Fotos: Sandra Konold

Jörg mit Elsa und Freya. Seit seinem 12. Lebensjahr sind Hunde die wichtigsten Begleiter in seinem Leben.