Nebeneinander

… oder miteinander?

 

Koexistenz ist etwas, das zusammen da ist, sprich: gleichzeitig vorhanden  ein Nebeneinander von unterschiedlichen geistigen, religiösen, politischen oder gesellschaftlichen Gruppen zum Beispiel. Dieser Begriff ist mir bei meinem Aufenthalt in Jerusalem, Israel und Palästina so oft wie selten zuvor begegnet; er hat sich mir dort tiefer erschlossen.

Freunde hatten mir prophezeit, dass man sich auf einen Aufenthalt im Nahen Osten zwar ein Stück weit vorbereiten kann durch Lektüre und Ähnliches, einen die Realitäten vor Ort aber noch einmal ganz anders einholen, mitnehmen, überraschen. Das kann ich nach meiner ersten Reise in die Region bestätigen.

Knapp zwei Monate war ich in der sogenannten Heiligen Stadt und an verschiedenen Orten in Israel wie Palästina unterwegs. Ich durfte vielen Menschen begegnen und erstaunlich offene Gespräche führen. Ebenso einiges beobachten als Fotografin. In Lebensrealitäten einzutauchen und den Alltag anderer Menschen ganz nah mitzubekommen lässt mich die mediale Berichterstattung wieder einmal in einem eigenen Licht sehen… denn neben dem journalistischen Fokus auf mehrheitlich außen- anstelle von innenpolitischen Aspekten greifen weitere Filter. Um einen wesentlichen davon zu nennen: ‘Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten’. Dieses Prinzip verzerrt die Sicht auf Dinge und liefert oftmals verengte oder einseitige Perspektiven auf komplexe Situationen.

Vielschichtig

Ein Beispiel für das Komplexe: Das Wortpaar Araber  Juden ist vor Ort gebräuchlicher als die Gegenüberstellung von Palästinensern und Israelis. Eines von mehreren Aha-Erlebnissen für mich.

Zur Gruppe der Araber zählen sich in der Regel Muslime und Christen, deren Familiengeschichte vielfach in die Zeit vor 1948 zurückreicht, bevor also der jüdische Staat Israel gegründet wurde. Menschen, die seit Generationen in der Region verwurzelt sind; von denen nun einige israelische, andere palästinensische Bürger sind – mit solchen oder solchen Rechten.

Zur Gruppe der Juden gehören Menschen, die unterschiedlich sein können wie Tag und Nacht. Ausschließlich das Jüdisch-Sein verbindet einige miteinander. Jeder, der seine Zugehörigkeit nachweisen kann, erhält auf seinen Wunsch einen israelischen Pass, qua Religionszugehörigkeit also eine zusätzliche Staatsbürgerschaft. Ist das nicht einzigartig? Unabhängig davon, ob man seinerzeit dem Zionismus gefolgt oder dem Holocaust entgangen ist, aus Russland, den USA, Eritrea oder Europa stammt. Ganz gleich, ob es sich um eine sehr konservative, religiöse, ultra-orthodoxe Familie oder um Leute handelt, die völlig liberal unterwegs sind, weder in ihrem Gebaren noch äußerlich etwas über ihre jüdische Tradition offenbaren… Sie alle bringen als Einwanderer unterschiedliche Mentalitäten, Essgewohnheiten, Musik und Kultur mit. Oder ihre eigene Sprache, denn Hebräisch wird zumeist in Israel gelernt und ist erst für die nachfolgende Generation eine Muttersprache.

Kann man da von ‘den Palästinensern’ und ‘den Israelis’ sprechen? Oder alles auf den Glauben reduzieren?

Überraschend

Was mich angeht, so bin ich wiederholt gefragt worden, welcher Religion ich angehöre. Beim ersten Mal habe ich noch nicht richtig aufgepasst und aus purer Gewohnheit “aus Deutschland” geantwortet. Dass man mich nicht auf meine Nationalität anspricht, sondern sich nach meinem Glauben erkundigt, darauf war ich nicht vorbereitet. Beim nächsten Mal habe ich mich nur sagen hören: In erster Linie bin ich ein Mensch wie du. Und wenn es nach mir geht, kommunizieren wir von Herz zu Herz! Ist dann noch wichtig, ob ich Jüdin, Atheistin oder sonst etwas bin? Weil ich auf diese Replik ein freundlich-zustimmendes Lachen geerntet habe, bin ich später bei dieser Version einer Antwort geblieben. Daraus sind schöne Gespräche entstanden.

Nebeneinander

Tel Aviv und Haifa habe ich als verhältnismäßig entspannt wahrgenommen, wenn es um das Nebeneinander-Bestehen unterschiedlicher Gruppen geht, obwohl für mich oft spürbar war, dass an einem konstruktiven Miteinander aktiv gearbeitet wird. Weil es eben nicht selbstverständlich ist.

Ein Beispiel dafür ist Beit Hagefen, ein arabisch-jüdisches Kultur-Zentrum in Haifa. In den Leitlinien heißt es mitunter: Wir wollen unsere Koexistenz in Israel ausbauen, tolerantes Denken und Verhalten gezielt fördern und anstreben, Respekt für andere und uns selbst zu hegen.

Die Atmosphäre in Jerusalem ist anders, was sicher daran liegt, wie wichtig dieser Ort für verschiedene Religionen ist, und daran, dass es eine geteilte, letztlich umkämpfte und zugleich besetzte Stadt ist. Irgendwo habe ich einmal gelesen, das sei die Stadt, in der alle Gott lieben und ihre Nachbarn hassen. Sehr zugespitzt formuliert, teilweise jedoch nicht völlig von der Hand zu weisen?

Miteinander

Und trotzdem: Dort sind mir Leute mit ganz unterschiedlichen Hintergründen begegnet, die differenziert denken, sich nach Frieden miteinander sehnen und auf ihre Weise dafür einsetzen. Ein muslimischer Taxifahrer, eine jüdische Fotografin und Filmemacherin, ein christlicher Priester, eine Holocaust-Überlebende, ehemalige israelische Soldaten und ein früherer palästinensischer Widerstandskämpfer, ein ultra-orthodoxer Jude, das waren mitunter meine Gesprächspartner. Alle vereint in dem Wunsch, menschlich miteinander umzugehen und dieses Ansinnen aktiv zu leben. Manche von ihnen integrieren das pragmatisch und still in ihren Alltag, wie die Schulen von Hand in Hand beispielsweise; andere machen lauter auf die bestehenden Probleme aufmerksam. Breaking the Silence etwa: Das sind israelische Soldaten, die sich für ein Ende der Besatzung im Westjordanland und dem Gazastreifen einsetzen. Oder Combatants for Peace: Ehemalige Kämpfer auf beiden Seiten, die ihre Waffen niedergelegt haben und sich Schulter an Schulter für Frieden stark machen.

Gegeneinander

Problematisch stellt sich die Lage im Gazastreifen und im Westjordanland dar. In einer Stadt wie Hebron mit 200.000 arabischen Einwohnern findet sich exemplarisch und auf engem Raum ein Konflikt, der schwer beizulegen ist: Wegen rund 500 jüdischen Siedlern im Kern der Stadt werden um die 4000 israelische Soldaten eingesetzt. Mit der Folge, dass sich keiner mehr uneingeschränkt bewegen kann. Die belebtesten Marktstraßen im Zentrum von Hebron wurden geschlossen, es kommt immer wieder zu Anspannungen und Zusammenstößen. Hebron ist einer von mehreren Schauplätzen, an denen ich mich beklommen aufgehalten habe und bedrückt wieder abgereist bin.

Fazit?

Ein Journalist soll zur Lage in Israel und Palästina einmal einen ehemaligen Diplomaten interviewt haben, der als dezidierter Kenner der Region galt. Seine Antwort an einer Stelle war: In Israel und Palästina gibt es kein Problem. Der Medienvertreter war wohl entsetzt und außer sich über diese Aussage, ferner im Widerspruch dazu. Daraufhin soll der Diplomat ausgeführt haben: Wo es keine Lösung gibt, gibt es kein Problem. Zum Verständnis: Problem ist ein Wort aus dem Griechischen und bedeutet “das, was zur Lösung vorgelegt wurde”.

Menschen und Entwicklungen sind nicht berechenbar, sage ich mir, und halte mich als Neuling mit jeder Prognose zurück. Ich merke nur an, dass niemand die friedliche Wende im geteilten Deutschland für möglich gehalten hätte. Keiner hat vorhergesehen, dass 1989 die Mauer fallen würde.

 

Friedliche Koexistenz von Arabern und Juden: Spielplatz vom Biblischen Zoo in Jerusalem

 

Wir lehnen es ab, Feinde zu sein: Abouelafia Bäckerei in Tel Aviv – Jaffa
Fotos: Sandra Konold

Das Titelbild ist am Strand von Tel Aviv entstanden. Ob mehr oder weniger bekleidet, ob dieser oder jener Religion oder Nationalität zugehörig  hier ist ein friedliches Neben- und Miteinander unterschiedlicher Gruppen Teil des Alltags.