Porträts

Selbst- & Fremdbild

 

“Wissen Sie, was mir durch den Kopf gegangen ist, als ich mich unausgeschlafen mit wirren Haaren im Spiegel sah? Ich habe bedauert, dass ich kein Fotograf bin! Wie die anderen einen sehen und wie man sich selbst in bestimmten Augenblicken sieht, das ist etwas ganz Verschiedenes…”

 So soll Pablo Picasso es einmal formuliert haben. Im Zeitalter von sozialen Medien und Selfies mit dem Handy mag das für den einen oder anderen ein wenig befremdlich klingen, aber die Frage nach dem Selbst- und Fremdbild ist und bleibt aktuell.

Ich sehe dich…

Alexander Gaude vom Kunstmuseum Pablo Picasso hat eine Ausstellung kuratiert, die für mich als Fotografin besonders reizvoll ist – deshalb, weil in meiner eigenen Arbeit der Fokus auf Menschen liegt und immer wieder Thema ist, wie Leute vor der Kamera sich wahrnehmen und wie ich sie dagegen sehe, was für ein Bild letztlich aus diesen unterschiedlichen Perspektiven und im Miteinander entsteht. Denn genauso, wie meine Anwesenheit Einfluss auf die Person nimmt, die ich porträtiere, entfaltet das Gebaren dieses Menschen seine Wirkung auf mich. Mein gestalterisches Arbeiten hinter der Kamera trifft auf Wünsche meines Gegenübers davor. Das ist immer wieder ein spannender Prozess.

… wie du dich nicht siehst

Insofern war ich voller Vorfreude auf die aktuelle Ausstellung, die unzählige Porträts zeigt und Hintergründe dazu liefert, wie sie entstanden sind. Einerseits präsentiert sie Werke von Picasso, die nach fotografischen Vorlagen entstanden sind und von ihm künstlerisch interpretiert und weiterentwickelt wurden, andererseits viele fotografische Porträts zu Picassos Privatleben und wie er arbeitete. Als Öffentlichkeits-affiner Mensch ließ er sich immer wieder von Fotografen ins Visier nehmen, die selbst sehr bekannt waren. Einer von ihnen ist David Douglas Duncan, inzwischen 101 Jahre alt. Er besuchte Picasso 1956 unangemeldet bei einem Zwischenstopp in Cannes. Sie verstanden sich auf Anhieb gut, und so entstand am ersten Tag ihrer Begegnung das Badewannen-Bild von Picasso.

Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster: Ausstellungen 'Picasso - Die Kunst des Portraets' und 'Im Fokus - Picasso im Fotoportraet' Muenster (Westfalen), Deutschland Mai 2017

Seine Karriere hatte Duncan zunächst als Kriegsfotograf begründet. Aus der Begegnung mit Picasso erwuchs dann nicht nur eine lebenslange Freundschaft mit dem spanischen Künstler, sondern auch eine zweite Karriere als fotografischer Begleiter vom Leben und Spätwerk Pablo Picassos. Zu seinem Zusammenspiel mit dem Spanier soll Duncan gesagt haben:

“Es ist eigenartig, aber nach einem Tag mit ihm bin ich erschöpft. Es ist wahrscheinlich die dauernde Anspannung, in der man sich befindet, wenn man ihn mit (…) bereiter Kamera beobachtet und versucht dahinterzukommen, was den Künstler und Menschen Picasso ausmacht.”

Wer sich neben den Bildern für die Geschichten dahinter interessiert, außerdem den Abwechslungsreichtum von Fotos, Filmen, Gemälden und Lithografien wertschätzt, dem sei die Ausstellung in Münster wärmstens empfohlen. Sie läuft noch bis zum 21. Mai 2017: Picasso – Die Kunst des Porträts / Im Fokus – Picasso im Fotoporträt. Weitere Informationen finden sich auf der Webseite des Kunstmuseums Pablo Picasso.


SANDRA KONOLD: Titelbild, Text & fotografische Reproduktion

PABLO PICASSO: Lithografien (v.l.n.r)  Büste mit karierter Bluse 1957,
Frauenbüste mit weißer Bluse 1957,  Frau mit geblümter Bluse 1958;
gegenübergestellt ein Foto von seiner späteren Ehefrau Jacqueline Roque

DAVID DOUGLAS DUNCAN: Fotografie von Pablo Picasso in der Badewanne am ersten Tag ihrer Bekanntschaft, 1956, Villa La Californie, Cannes