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Sag es anders

Sprechende Hände

Meine Freunde bezeichnen mich bisweilen als Sprachnerd. Denn ich liebe Sprache im Allgemeinen – und Fremdsprachen im Besonderen. Den neusten Interessens-Schub bezüglich fremder Sprachen hatte ich kürzlich, nach einem Kinobesuch. “Verstehen Sie die Béliers” ist eine charmante französische Komödie, in der die Gebärdensprache eine Schlüsselrolle spielt. Als Grafikdesignerin bin ich natürlich vor allem auf visuelle Reize gepolt. So kam es, dass ich nach dem Film fast eine Art Sehnerv-Ohrwurm hatte, von den per Handzeichen untermalten Songs.

Wie passend, dass mir kurz darauf im Internet ein Video begegnete, das den Auftritt einer Gehörlosen-Dolmetscherin zeigte. Sie hatte, um sich für einen Job zu bewerben, einen Rap-Song von Eminem aufgegriffen und ihn in ASL (American Sign Language) übersetzt. Wow! Ich fand es phänomenal jemandem dabei zuzusehen zwei Sprachen zeitgleich zu performen. Während sie den Text mitrappte, flogen ihre Handzeichen durch die Luft. Sie überbrachte die Botschaft doppelt und synchron – und bekam dafür übrigens die gewünschte Jobzusage.

Die Gebärdensprache steht anderen Sprachen in der Komplexität in nichts nach. Alles kann damit aufs Präziseste erläutert werden, auch die Doktorarbeit in Biochemie. Viele Gehörlose denken sogar in Gebärdensprache, sehen sie als ihre Muttersprache. Es können bis zu neun Informationen in einer einzigen Geste stecken, je nachdem wie sie ausgeführt wird: in welcher Richtung, mit welchem Gesichtsausdruck mit welchem Abstand zum Körper etc. Es klingt kompliziert, aber soll in 2-4 Jahren erlernbar sein.

Amüsiert erfuhr ich, dass Gehörlose anscheinend gerne nach Italien in Urlaub fahren, wo ja bekanntlich mit viel Gestik und Mimik kommuniziert wird. Auch erstaunte es mich, dass in Amerika wohl alle Polizisten die Gebärdensprache lernen müssen. Die Firma Mattel hat dort sogar eine ASL-Barbie herausgebracht, deren Hände Zeichen formen und die mit dem Zubehör einer ganzen Sign-Language-Schule ausgestattet ist.

Die Gebärdensprachen, mit denen man unglaublich abstrahiert und differenziert kommunizieren kann, sind jedoch bisweilen nicht gerade… politisch korrekt. Denn für intuitive schnelle Gesten ist es verführerisch, sich auf Klischees zu beziehen. Eine Person mit Narben im Gesicht kann zum Beispiel schnell einen entsprechenden “Zeichensprach-Namen” erhalten – der Einfachheit halber. Und das moderne Deutschland wird tatsächlich noch mit einem unschönen Gruß visualisiert. Natürlich nicht in den Gebärdensprachen unserer Nachbarländer, aber durchaus in den ferneren Gefilden der Welt.

Angela Merkel jedenfalls hat sich bereits eine Namensverbesserung erarbeitet. Denn die vormals symbolisch heruntergezogenen Mundwinkel wurden nach und nach verdrängt – von ihrem Handzeichen der Rauteform.

Film-Tipp: Verstehen Sie die Béliers
Filmausschnitt: Je vole
Video-Clip: Eminem Lose yourself ASL
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