Weißer Schimmel

„Bei unserem Kind steht eine Hochbegabung im Raum“. Momentan lese ich diesen Satz ständig. Gefühlt einmal pro Woche. Ich frage mich grundsätzlich, wer sie dorthin gestellt hat. Ob der Raum groß oder klein ist, möbliert oder leer. Hat er weiße Wände, gelbe oder rote, einen hell gefliesten Fußboden oder einen aus dunklem Holz?

Sätze, die Bilder im Kopf entstehen lassen, sind etwas Schönes. Sie machen einen Text lebendig und helfen dem Leser sich abstrakte Dinge besser vorzustellen. Eine gute Reportage beispielsweise kommt nicht ohne diese Bilder aus. Allerdings sollten sie stimmig sein oder so deutlich überzogen, dass sie einen sprachbewussten Leser zum Auflachen bringen.

Okay, ich bin streng. Wer sich in den sozialen Medien tummelt, der schreibt nicht für einen Leser. Dem geht es darum, sich mit anderen auszutauschen. Meiner Meinung nach funktioniert dieser Austausch aber besser, wenn man nicht alte Phrasen drischt, sondern sich klar verständlich ausdrückt. Eine Hochbegabung kann nicht herumstehen. Sie hat keine Füße. Auch mit dem Rahmen ist das so eine Sache. Während meines Volontariats war der Standardspruch in der Redaktion: „Bei uns hängen nur Bilder im Rahmen“. Natürlich muss ich mir an die eigene Nase fassen (Achtung, Bild!). Wenn wir Journalisten uns so verschwurbelt ausdrücken, machen das unsere Leser nach.

Allerdings hat das Verschwurbelte auch einen Vorteil: Es klingt bürokratisch und damit amtlich und irgendwie wichtig. Um auf die herumlungernde Hochbegabung zurück zu kommen: Wenn sie schon in den Raum geworfen wurde und nicht zusammen mit dem Pferd auf dem Flur steht, muss doch was dran sein. Da kann man sich als Eltern schon was drauf einbilden und die ganze Mühe mit einem IQ-Test beim Psychologen sparen.

 

Foto: Nicole Hein