Winzig-Haus

Naturnah leben

 

Vor vielen Jahren schon hat mich der Gedanke fasziniert, mal in einem Baumhaus zu wohnen – ganz nah dran an rauschenden Blättern, zwitschernden Vögeln und plätscherndem Bach unter mir… Was für eine Wonne wäre das: mitten im Grünen, voller guter Luft, Wälder und Berge um mich herum, ganz oft im Freien unterwegs sein.

Realisierbare Vision?

Soweit die beseelende Phantasie der ersten Minuten. Und dann jede Menge Fragen: Wo kann so ein Baumhaus hinkommen? Braucht es ein eigenes Grundstück dafür? Wie steht es um eine gute Anbindung in Städte, etwa für Einkäufe oder Reisen? Geht das Auto-frei? Wie sieht das Leben im Winter aus? Könnte ich in einem Baumhaus mit Feuer heizen? Und mit Gas kochen? Mich duschen? Wie transportiere ich Dinge nach oben? Wie entsorge ich Müll? Sind Internet und Telefon für die Arbeit machbar? Was ist mit Besuchern? Nur im Sommer und mitgebrachtem Zelt? An welchen Gewohnheiten möchte ich festhalten? Bin ich bereit, mein Leben umzustellen? Was ist unverzichtbar für mich? Um nur einen Bruchteil von Punkten zu nennen, die da zu klären sind.

Erste Experimente

Ernüchtert haben mich all diese Fragen nicht, selbst wenn ich für viele noch keine Antworten kenne. Im Gegenteil: Sie haben mich dazu angeregt, mir meine Art zu leben näher anzusehen. Schritt für Schritt Gewohnheiten zu überprüfen, einige zu ändern. Mich mit Minimalismus zu befassen. In Gedanken, Worten und zunehmend in Taten. Ganz spielerisch und voller Neugier: Wie geht das? Gelingt es? Was macht das mit mir? Fühlt sich das gut für mich an? Ich habe begonnen, Augen und Ohren in diese Richtung zu öffnen, zu recherchieren, zu experimentieren, mit Leuten zu sprechen, Tipps zu erhalten. Eine spannende Reise… wohin sie wohl geht?

Holland-Tour

 Mitunter nach Alkmaar in die Niederlande. Dort lebt Marjolein als Pionierin in einem Winzig-Haus und bloggt über ihre Erfahrungen. Einmal im Monat öffnet sie ihre Tür für Interessierte und lässt sich Löcher in den Bauch fragen. Wem der Weg dorthin zu weit ist, kann einiges auf ihrer Webseite nachlesen, die übrigens viele schöne Fotos von ihrem kleinen und lichtdurchfluteten Zuhause mit 16 plus 4 Quadratmetern zeigt.

Sie lebt inzwischen zwei Jahre in ihrem ‘Tiny House’. Was die drei besten Dinge daran für sie sind? Mehr in der Natur zu sein inklusive Gärtnern, sich selbstständig gemacht zu haben als Expertin fürs Leben im Winzig-Haus und damit ihre Berufung gefunden zu haben, seither lauter Neues kennenzulernen und vielen interessierten Menschen zu begegnen. Was sie rückblickend anders machen würde? Einige technische Dinge besser gestalten: Zum Beispiel die Leitung zum Wassertank innerhalb des Häuschens legen statt außen, damit sie im Winter nicht zufriert. Oder es direkt beim Feuer-Ofen bewenden zu lassen; die installierte Infrarot-Heizung nutzt sie nicht, weil sie zuviel Strom schluckt. Mit dem muss sie in der kalten Jahreszeit insgesamt haushalten, weil die Sonnenkollektoren dann weniger Licht bekommen und der Solarstrom-Speicher nicht immer voll ist. Was sie an ihrem minimalistischen Wohnen nicht so gut findet? Sie strahlt mich an, ihr fällt kein nennenswerter Nachteil ein. Was die größte Überraschung für sie gewesen ist durch diese Lebensumstellung? Es sind so viele, dass sie sie gar nicht erst aufzählt.

Tiny-House-Initiativen

Der Vorteil eines Winzig-Hauses mit fahrbarem Untersatz gegenüber einem Baumhaus ist natürlich, dass man mobil bleibt und den Standort leichter wechseln kann. Nichtsdestotrotz gibt es in Deutschland rechtlich einiges zu berücksichtigen, wenn man einen Platz gefunden hat, an dem man es gerne stellen möchte – selbst wenn es das eigene Grundstück ist.

Umfangreiche Information zum Wohnen auf kleinem Raum erhält man bei der Plattform tiny-houses.de. Dort findet sich mehr zur Frage des Stellplatzes, es werden Unterschiede zwischen Winzig-, Mini- und Kleinhäusern erläutert, Anbieter aus Europa vorgestellt, Baumhaushotels gezeigt, rechtliche Aspekte erklärt, Workshops angeboten, Baupläne zur Verfügung gestellt, Ideen fürs Probewohnen gegeben und vieles mehr.

Wohnen der Zukunft?

Was auch immer die Motivation sein mag: naturnäher zu leben, sich mehr auf Wesentliches zu besinnen, finanziell freier und persönlich unabhängiger zu sein, einen ökologischen Beitrag zu leisten oder nachhaltiger zu wohnen – die Tiny-House-Bewegung in Deutschland nimmt vor allem deshalb Fahrt auf, weil diese Lebensform in gefragten Wohnungsgegenden Raumnot lindern kann. Und weil es vielen Menschen inzwischen sehr wohl um die Frage geht, wie sie sich die hochgeschossenen Mieten in Städten weiter leisten können, welche alternativen Wohn-Konzepte es bei steigenden Immobilienpreisen gibt. Ein interessantes Pilotprojekt läuft diesbezüglich am Bauhaus Campus in Berlin.

Um nochmals an meine Träumerei vom Anfang anzuknüpfen, empfehle ich eine Filmdokumentation bei Arte: “Bau ein Baumhaus statt ein Einfamilienhaus. Wohnräume der Zukunft.” Viel Spaß beim Ansehen und ein schönes zeitweiliges Abtauchen in andere Welten wünsche ich!

Fotos: Sandra Konold

Marjolein in het klein, holländische Tiny-House-Pionierin und -Botschafterin mit neuen Nachbarn. Alkmaar, Niederlande, Juni 2018.