Zahme Nessel

Gezackte, dreieckige Blätter mit feinen Härchen: Da läuteten bei mir sofort die Alarmglocken. Dort wächst eine Brennnessel, also besser nicht anfassen! Bis eines Tages meine Kinder die vermeintlich brennende Pflanze behutsam in die Hand nahmen. „Wie machen die das nur?“, fragte ich mich. Der Trick war ganz einfach, denn wie sich später herausstellte, hatte ihr Großvater ihnen den Unterschied zwischen einer Brennnessel und einer Taubnessel gezeigt. Letztere lässt sich spätestens dann von ihrer aggressiven Verwandten unterscheiden, wenn sie mit glockenartigen weißen oder roten Blüten blüht. Anfassen lässt sie sich, weil die Taubnessel, die im Volksmund auch „zahme Nessel“ heißt, keine Brennhaare besitzt.

Kraut der lächelnden Mutter“

Die Taubnessel  wächst auf Wiesen, an Wegrändern, Bahndämmen, Gärten und sogar auf Schuttplätzen. Da wundert‘s nicht, dass das die zarten Pflanzen vielfach als Unkraut bezeichnet und ausgerissen werden. Doch damit geschieht der Taubnessel, die je nach Art 30 bis 70 Zentimeter hoch wird, Unrecht. Denn die Pflanze aus der Familie der Lippenblütler blickt auf eine lange Tradition als Heilkraut zurück. In der altchinesischen Kultur sind Taubnesseln als „Kraut der lächelnden Mutter“ bekannt und in Europa verwendeten beispielsweise die Äbtissin Hildegard von Bingen und der Kräuterpfarrer Sebastian Kneipp Pflanzenteile zu Heilzwecken.

Blüten mit Heilkraft

Vor allem den Blüten wird Heilkraft nachgesagt. Ein Tee soll beispielsweise bei älteren Menschen Augenflimmern sowie Schwindel bessern. Außerdem soll er eine heilende Wirkung bei Atemwegsentzündungen und Magen-Darm-Beschwerden besitzen. Darüber hinaus eignet er sich angeblich als schleimlösendes Hustenmittel und soll anregend auf das Herz-Kreislauf-System wirken. Äußerlich angewendet kann ein Aufguss aus Taubnesselblüten bei Verbrennungen, z. B. Sonnenbrand, helfen und als Mundspülung bei leichten Entzündungen im Mund- und Rachenraum angewendet werden.

Lecker in der Suppe

Auch bei der Körperpflege leistet die zahme Nessel gute Dienste. Ein starker Teeaufguss aus den Blüten soll bei problematischer Haut reinigend und heilend sein. Und wer zu fettigem Haar neigt, kann sich damit die Haare spülen. Sogar essbar ist die Pflanze, die halbschattige Plätze und nährstoffreiche Böden liebt. Ihr milder Geschmack erinnert an Champignons und dient als Grundlage für Salate oder Suppen. Die honigsüßen Blüten sind ebenfalls lecker. Sie eignen sich für Desserts, können aber auch als dekorative Beilage in Salate gemischt werden. Im Herbst lassen sich angeblich sogar die Wurzeln neuer Triebausläufer ernten und pur knabbern oder in Salate oder Suppen schneiden.

Mutprobe mit  Nessel

Seit unserer ersten Begegnung mit der zahmen Nessel züchten meine Kinder immer ein paar Exemplare in Töpfen auf der Terrasse. Wenn uns fremde Kinder besuchen, demonstrieren sie ihnen oft ihren Mut: „Schau mal, ich kann diese Nessel anfassen, ohne dass ich mich an ihr verbrenne!“

 

Foto: Nicole Hein