Kindertränen

Zeit miteinander

 

Wie viel Zeit verbringen Eltern und Kinder eigentlich noch miteinander? In den Kitas bleiben immer mehr Kinder bis in den Nachmittag hinein, die meisten Grundschulkinder gehen wie selbstverständlich in die Übermittagsbetreuung. Bei Zweifeln, ob das alles so gut und richtig ist, wird oft die so genannte Quality Time bemüht. Wichtig ist hierbei nicht die Dauer der mit den Kindern verbrachten Zeit, sondern die Verlässlichkeit und Qualität der “Familienzeit”. Mir ist schleierhaft, wie das im Alltag aussehen soll. Trägt man sich dann z. B. 17 bis 18 Uhr “Spielen mit Lego” in seinen Kalender ein? Und ist diese Familienzeit, die in den Medien immer wieder bemüht wird, wirklich das, was Kinder brauchen?

Das Ende des Regenbogens

Ich meine, nein. Kita- und Grundschulkinder haben keinen Kalender. Sie leben im Jetzt, im Augenblick. Sie brauchen jemanden, der unmittelbar auf sie reagiert. Jemanden, der Tränen trocknet, die vergossen werden, weil Sand ins Auge geraten ist, der die Schleife am Hosenbund auch zum achten Mal am Tag noch geduldig bindet. Jemanden, der hilft, den Marienkäfer zu retten, der sich ins Wohnzimmer verirrt hat und der den windschiefen, wackeligen Bauklotz-Turm bestaunt. Jemanden, der einfach da ist, wenn das Kind scheinbar aus dem Nichts – und außerhalb der täglich angesetzten Quality Time – die dringende Frage besprechen möchte, wo das Ende des Regenbogens ist.

Leben im Jetzt

Ein Tag im Leben eines Kindes ist so bunt, so reich an kleinen Besonderheiten, die es sofort mit jemandem teilen möchte. Natürlich müssen das nicht immer die Eltern sein. Doch wenn die Eltern auf die Mär der Quality Time bauen und außerhalb der “wertvollen Familienzeit” pro Tag kaum etwas aus dem Leben ihrer Kinder mitkriegen, geht viel verloren. Ich glaube, viel von der Beziehung zwischen Eltern und Kind.

Mehr zum Thema “Quality Time”

Wer zum Konzept der Qualitätszeit weiterlesen möchte, findet Informationen beispielsweise bei Urbia und auf Wikipedia.

 

Foto: Sandra Konold

Das Bild ist 2008 in Chimoio entstanden, der Provinzhauptstadt von Manica in Mosambik: Fernando, der Wächter, tröstet ein Waisenkind. Der Junge hat seine Eltern durch AIDS verloren und ist zusammen mit 19 anderen Kindern adoptiert worden – von Catarina und Paulino, deren eigene Kinder schon erwachsen und außer Haus sind. Das sozial engagierte Ehepaar kümmert sich nicht nur um das seelische Wohl der Waisen, sondern sorgt auch für die Schulbildung der Heranwachsenden.

2008 ist ein belastendes Jahr: Infolge der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise verfünffacht sich im Oktober innerhalb kurzer Zeit etwa der Preis für ein Kilo Kartoffeln. Für den Haushalt mit 20 Kindern ist das dramatisch. Catarina hat als Sozialunternehmerin mit Opportunity International zusammengearbeitet. Dank ihrer Initiative haben mehr als 300 AIDS-Waisen eine neue Familie gefunden.

Dieser Beitrag ist Teil der 2-Blickwinkel-Serie, bei der sich die Journalistin Nicole Hein von einem Bild der Fotografin Sandra Konold inspirieren lässt – dergestalt, dass ihr ein Thema dazu in den Sinn kommt, zu dem sie schreibt. Genauere Informationen zum Foto sind zunächst unbekannt und eröffnen nachträglich eine vielleicht überraschende oder neue Sicht auf den Text. | nhein.de | sandrakonold.com