Zurück ins Leben

Am seidenen Faden

 

2010 war ein Abgrund, das Jahr, in dem es mir sehr schlecht ging. Das Jahr voller Leere und ohne jeden Antrieb.

Aber an einem bestimmten Punkt hatte ich genug Kraft, um mir einen Strick zu knüpfen, in die Natur zu gehen, an eine Stelle, wo Beobachtungsposten für Vögel sind und Balken.

Ich hatte alles gut vorbereitet. Kein Telefon dabei und niemandem etwas gesagt. Tabletten, ein Joint, Bier.

The darkest hour is just before dawn.

Und dann kam einer, der Vögel beobachten wollte. Er hat mich gefragt, was ich da mache. Ich habe ihm nicht geantwortet. Er hat den Strick gesehen und die Polizei gerufen.

Ob er mein Schutzengel war? Vielleicht würde ich das heute so sehen. Damals hat er mich meiner Freiheit beraubt, mich zu verabschieden vom Leben.

Warum sie mir den Strick zurückgegeben haben, als ich aus der Psychiatrie kam, weiß ich bis heute nicht, das bleibt ein Rätsel. Ich habe ihn die ganzen Jahre aufbewahrt. Für den Fall, dass ich ihn noch einmal brauche.

Vor kurzem habe ich den Knoten aufgemacht – jetzt ist es nur noch ein Seil.

Text: anonym

Fotos: Sandra Konold

Bild oben: Himalaya-Panorama bei Sonnenuntergang, Dezember 2007, Nagarkot, Nepal.
Bild unten: In den Bergen zwischen Rukumkot und Gharidauni, Januar 2008, Rukum Distrikt, Nepal.